‚Mechanische Texte‘ ohne Journalisten
 

‚Mechanische Texte‘ ohne Journalisten

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Kommentar von Walter Braun.

Bei Tageszeitungen gibt es seit eh und je die Praxis, gewisse Strecken mit „Füllmaterial“ auszupolstern. Das ist unvermeidlich, da nicht jeden Tag die Welt formatfüllend in Flammen steht. Nun haben sich aber Online-Publikationen entwickelt, die nur noch aus Füllmaterial bestehen. Der Online-Ableger der großen britischen Tageszeitung "Daily Mail" etwa hat eine Endlos-Starkolumne laufen. Die besteht zum Großteil ausbilligen, nichtssagenden Fotos von Zelebritäten und Möchtegerns, während es Aufgabe von Nachwuchsschreiberlingen ist, einen Text zum Bild zu erfinden.

Das läuft immer nach derselben Masche ab: Das Aussehen wird kritisiert, die Kleidung ist toll oder grässlich, Gewicht ist zu hoch/ideal/zu wenig – kein Detail zu unwichtig, dass sich nicht ein paar Zeilen herausschinden ließen. Dieser Anti-Journalismus könnte unerwartete Folgen zeigen. Das US-Unternehmen StatSheet hat sich der Erstellung sportnaher Statistiken verschrieben, besonders rund um die Nascar-Autorennen und beliebte College-Sportarten. Sie produzieren jede Menge Grafiken, Tabellen und Statistiken, doch das allein macht noch keine Berichterstattung aus. Weshalb sie eine Software entwickelt haben, die „automatische Inhalte“ produziert. Damit das nicht so auffällt, haben sie für sämtliche der 345 Mannschaften der 1. Division Basketball eine eigene Website geschaffen.

Die Software ist so gestaltet, dass sie jedes Team möglichst günstig darstellt (inklusiver vergangener Leistungen!). Funktioniert der Ansatz, könnte diese Art „Berichterstattung“ bis in die unterste Schülerliga ausgedehnt werden. Mit 5.000 vorgestanzten Phrasen, so scheint‘s, lassen sich lesbare Texte automatisch erstellen. Da rutschen natürlich grammatikalische Fehler und Unsinn hinein, aber im Zeitalter von schnell getwittertem Buchenstabenmüll scheint das immer weniger Leser zu stören. Davon wird sich nur ein gewisser Teil der Leserschaft beeindrucken lassen.

Einige Medien werden aber reagieren und sich von der Technik „Datenberge plus Füllmaterial“ abgrenzen müssen. Die Sportberichterstattung der "Londoner Times" bietet ein Gegenbeispiel: Da schreibt ein ehemaliger Spitzensportler und studierter Philosoph ellenlange Kolumnen, während ein anderer Kommentator sich auf die komischen Seiten des Sports spezialisiert hat. Obwohl die Kommentare gelegentlich eine ganze Seite umfassen, gehören sie zu den begehrtesten Elementen des Blattes.

Daten stößt das Web schneller hervor als jedes andere Medium, aber keine tiefschürfenden Betrachtungen. Durch Ereignisse können sich Medien nicht länger differenzieren, nur in der Art und Weise der Betrachtung. Sollte es wirklich einen Markt für vorgefertigte Texte geben, würden Boulevardblätter und Illustrierte darunter leiden, kaum Qualitätstageszeitungen. Der Chef von StatSheet glaubt gar, seinen „Robo-Journalismus“auf datenintensive Finanzberichterstattung ausdehnen zu können. Das Fegefeuer des Billigjournalismus naht …

Walter Braun
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