Materialist oder Idealist?
 

Materialist oder Idealist?

Kolumne von Walter Braun

Vermutlich beides. Die allgegenwärtige Doktrin des Materialismus behauptet: Alles, selbst Gedanken und unsere Subjektivität, lässt sich auf die Bewegung von Materie zurückführen. Jedes Ereignis ist das Ergebnis vorheriger Ursachen, weshalb wir auch keinen freien Willen besitzen. Unter der akademisch gleichgeschalteten Oberfläche sind wir aber mehrheitlich Idealisten. Und die glauben, dass Menschen frei genug sind, ihre Wirklichkeit zumindest teilweise selbst gestalten zu können. Statt „Rettet den Wal“ wäre es vielleicht dringender, eine Kampagne „Rettet den freien Willen“ zu starten …

Um auf das in der vergangenen Woche angeschnittene Thema zurückzukommen: Was ist an unserer gegenwärtigen Wirklichkeit so unerträglich, dass sich digitale Fantasiewelten dermaßen ausbreiten? Vielleicht ist es gerade jene zur Staatsreligion erhobene materia­listische Philosophie, die das Leben öd erscheinen lässt!? Vielleicht ist es ein zentraler Teil unseres Menschseins, dass wir einander Geschichten erzählen und unsere Realität konstruieren – völlig unabhängig von biologischen Reproduktionszwängen!? Das führt zu einer außerordentlich ironischen Situation: Der offiziell verordnete Nihilismus hat uns die traditionellen Religionen und Mythen madig gemacht, weshalb sich die Kirchen leeren; gleichzeitig füllen sich Plätze, wo wir uns von medial vermittelten Wirklichkeiten bezaubern lassen, von Kinos über Werbetafeln bis zu den neuen Digitalwelten, die immer ­immersiver werden. Damit geht die Gefahr einher, dass weniger gefestigte Naturen jeglichen Halt in der Wirklichkeit verlieren. Sollten sich Fälle dieser Art häufen, könnten wir – anstatt einfach individuelle psychologische Probleme als Erklärung zu akzeptieren – ein wenig tiefer nach den Ursachen graben.

Ich habe einen Verdacht: Wir sind seit Kant und Sartre aufgefordert, unser Selbst eigenständig zu entwerfen und uns von traditionellen Vorgaben zu befreien. Was uns wiederum isoliert und verunsichert. Ist das der Grund für die aktuelle exzessive Wehleidigkeit, die nicht einen Hauch von Kritik erträgt? Ist deshalb die Musik so mechanisch dumpf geworden, sind deswegen Drogen allgegenwärtig? Liegt im Vergessen der eigenen Ich-Schwäche der wahre Reiz der vielen Fantasiehelden im 3D-Format? Zu viele Fluchten weben sich zu einer brüchigen Existenz zusammen. Mit jedem Jahr Älterwerden droht die ernüchternde Entlarvung.

Die „Aufmerksamkeits-Ökonomie“ nützt diesen Umstand für ständig neue Selbstverwöhnungsangebote. Was fragile Ichs aber noch anfälliger macht. Weshalb neue Verhaltensweisen zu erwarten sind, etwa eine strenge Mediendiät (Handy nur unter ganz gewissen Umständen eingeschaltet); aristotelische Ethik der Charakterstärkung anstatt jammernden Es-steht-mir-zu-Denkens; aufkommende Diskussionen von Tabuthemen (zum Beispiel die eigene ­Sterblichkeit) …

[Walter Braun]
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