Macht muss man nutzen …
 

Macht muss man nutzen …

Kolumne von Walter Braun

Als vor drei Jahren der „Arabische Frühling“ erblühte, kam das Gerücht auf, Twitter hätte dabei eine entscheidende Rolle gespielt. Ich halte das für eine ­PR-Story. Wahrscheinlicher ist, dass die Selbstverbrennung eines Tunesiers das motivierende Signal für die übrigen Länder war. Aber nur, weil die arabische Welt von dem Vorfall in TV-Bildern und Zeitungsgeschichten erfahren hatte. Ohne ein solches Wissen haben es Diktatoren leichter, ihrer Bevölkerung eine Scheinwelt vorzugaukeln.

Ein guter Zeuge dafür ist der 1960 ­geborene chinesische Schriftsteller Yu Hua. Er wuchs in einer hoch politisierten Welt auf. Die kommunistische Partei verbreitete Ammenmärchen, wonach Amerika Hunger leide und die Leute dort nichts zum Anziehen hätten. Im Kino liefen immer noch Propagandafilme über den Koreakrieg. Die Fälscher hatten dabei unvorsichtigerweise ein Detail realistisch belassen – Würste mampfende US-Soldaten (während sich damals arme Familien in China Fleisch oft nur einmal im Jahr leisten konnten). Der Schriftsteller kann sich noch heute daran erinnern, wie ihm und den übrigen Kinobesuchern das Wasser im Mund zusammengelaufen war. Ein erster Riss im ideologischen Weltbild, der sich zur Kluft ausweiten sollte, als Staatschef Deng im Jahre 1979 New York besuchte und Filmberichte selbst auf kleinen Schwarz-Weiß-Fernsehern die Pracht von Manhattan nicht verbergen konnten. „Die Autos verblüfften uns“, erinnert sich Yu Hua. Und dass Haushalte Kühlschränke und Waschmaschinen besaßen. Als im Frühling 1989 eine Kopie der Freiheitsstatue auf dem Tiananmen-Platz auftauchte, konnte jeder das Symbol deuten.

Jährlich gehen rund 400.000 chinesische Studenten ins Ausland, die Hälfte davon nach Amerika, von dem viele ein idealisiertes Bild im Kopf haben. Während die Medien China der Welt öffneten, haben sie in den USA nicht verhindert, dass das Land heute in mancher Hinsicht mehr einer Plutokratie als ­einer Demokratie gleicht. Was auf ­Regierungsebene geschieht, kann kein Bürger mehr beeinflussen. Bezahlte Vertreter der Wirtschaft dagegen schon. Genau dasselbe passiert in Brüssel. Leider bringt das Internet in dieser Frage keine Abhilfe. Wissen Sie, werte Leser, welches Onlinemedium zurzeit am beliebtesten ist? Eine relativ neue Website names Upworthy bedient ein eher linkes Publikum mit Geschichten, die im Web zusammengesucht werden. Die wirkliche Leistung der Plattform: Eine Fülle an Headlines wird minutiös ­getestet. Der Erfolg wird in Soziale-­Medien-Einheiten gemessen (Artikel erhalten im Schnitt 75.000 Facebook-Likes!). Medien dieser Art sind keine „vierte Säule“ der Demokratie mehr – das ist Sympathisanteneinkochen zwecks besserer Werbevermarktung. Ohne fundierte Kritik an fragwürdigen politischen beziehungsweise kulturellen Entwicklungen produzieren Nachrichtenmedien bloß noch Unterhaltungssoße. Ein Trend, dem ­Widerstand geleistet werden sollte …

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