Macht das Web uns zu Piraten?
 

Macht das Web uns zu Piraten?

Kolumne von Walter Braun

Im Sommer ließ die oberste englische Fußballliga mit einem drakonischen Vorstoß aufhorchen: Während des Spiels aufgenommene Videos verstoßen gegen das Urheberrecht. Das gelte selbst für Apps wie Vine (via Twitter versandte Sechs-Sekunden-Videos). Ziemlich harsch, dieses Verbot. Es steht aber zu viel auf dem Spiel. Jeder der 20 Vereine erhält vom Verkauf von Übertragungsrechten circa 50 Millionen Euro pro Jahr. Die Premier League wird hauptsächlich via Bezahlfernsehen weltweit in rund 200 Ländern ausgestrahlt und erreicht zusammengenommen über 600 Millionen Seher. Allein Sky bezahlt für das Live-Übertragungsrecht für eine limitierte Anzahl von Spielen über 900 Millionen Euro pro Jahr.

Nun ist ein Buch von einem Salon-Marxisten erschienen, der mit dem Urheberrechtsschutz im Net aufräumen will. In „Information Doesn’t Want to Be Free“ argumentiert Cory Doctorow, das Web sei eine gigantische „Kopieranstalt“, ergo sollte Kopieren rechtlich ungehindert möglich sein. Interessant zu sehen, wie sehr hier Sprache das Denken formt. „Copyright“ ist vor über 300 Jahren in England erfunden wurden, um Autoren vor skrupellosen Druckern (= Vervielfältigern) zu schützen. Da­gegen betont „Urheberrecht“ den persönlichen Besitz von intellektuell Geschaffenem. In Doctorows Manifest ­verschwimmt diese Trennung.

Wenn Doctorow Kopierschutz mit Zensur vergleicht und als Folge einen Überwachungsstaat an die Wand malt, klingt das nach Paranoia. Seine Lösung ist, „die Informationsmittel zu ergreifen und die Vorteile der Technik zu verteilen.“ Und das allmächtige Zentralkomitee nickt beifällig. Zu insinuieren, Urheberrechtsschutz würde den Mächtigen und Reichen dienen, ist Flachsinn: Copyright schützt die Kreativen.

Warum sollten Schöpfer originaler Inhalte das Recht an ihrem Gut aufgeben? Der Autor argumentiert, Künstler hätte ohnehin nie etwas verdient (außer eine verschwindend geringe Anzahl), und daher sollte man am besten das Net als gigantische Marketingplattform sehen, die Schaffenden die Chance gebe, sich einen Namen zu machen. Motto: Ohne Namen kein Einkommen.
Womit bezahlen namenlose Fotografen, Drehbuchschreiber, Komponisten, Grafiker, Filmemacher et cetera ihre Rechnungen? Außer Merchandising fällt Doctorow nicht viel ein. Warum sollte ein Künstler automatisch ein begnadeter Marketer sein?

Erstellung, Aufbereitung und Vertrieb von Information kosten viel Geld, selbst wenn Werbung einen Teil davon sponsert. Was Kreative brauchen, ist eine bessere Durchsetzung ihrer Ur­heberrechtsansprüche im Web, nicht ­einen Canossagang zum mitleidig gestimmten Gratisabnehmer ihrer Ware.
Wir Zeitgenössische sind gespaltene Wesen: Als Bürger pochen wir auf eine lange Liste fein ziselierter Rechte; als nimmersatte Verbraucher werden wir zu Gesetzlosen, die bedenkenlos raffen, was sie kriegen können. Ein wenig schizophren, nicht?

[Walter Braun]
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