Literatur ist dem ORF zumutbar
 

Literatur ist dem ORF zumutbar

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Jenseits des HORIZONT

Aus für den Bachmann-Preis und die Literaturtage in Klagenfurt, eines der wenigen Kulturereignisse von Rang, die jedes Jahr aus Kärnten auf 3sat live übertragen wurden, eines der international meistgewürdigten Kulturengagements des ORF? Alexander Wrabetz lässt ausrichten, es sei kein Geld für die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ da. Der ORF könne zwar übertragen, aber nicht selbst veranstalten.

Am selben Tag wurden die Verträge für den Opernball verlängert. Der ORF gibt zudem bekannt, dass Olympische Spiele und die Fußball-WM-Übertragungen das Budget mit 20 Millionen Euro belasten. Sport versus Literatur? Operntratsch gegen sperrige Texte?

Darum geht es nicht. Auch Fußball ist öffentlicher Auftrag und öffentliches Interesse. Es geht um die Argumentation. Um eine latente Kulturfeindlichkeit und Furore vor dem Kritischen. Fußball, Opernball und Netrebko- Arien von den Salzburger Festspielen, eingebettet in Quasi-High-Society-Berichterstattung, bringen mehr Quote als kritische Sätze von Autoren wie Haderlapp, Seiler, Lewitscharoff oder Martynowa, um nur einige Gewinner zu nennen, die beachtliche Karrieren gemacht haben. Der ORF muss auf die Quote achten und ein möglichst breites Spektrum abdecken. Aber zuallererst hat er den Kultur- und Bildungsauftrag zu erfüllen. Den Auftrag zur kritischen Information, zur Aufklärung und zum ästhetischen Widerstand. Dafür gibt es Gebühren.

Wenn ein Generaldirektor das Sparargument bringt und dem geschriebenen und gesprochenen Wort das Maul verbietet, Avantgarde-Musik wie die Styriarte als Minderheitengetöse ebenfalls aus dem Programm verbannt, lässt dies nicht auf ordentliches Wirtschaften, sondern Kulturlosigkeit schließen. Ohne kulturelles Verständnis aber lässt sich nicht Qualität schaffen, weder in der Unterhaltung noch in der Information. Kulturlosigkeit ist geistesfeindlich. Ohne Kultur ist auch Haltung nicht möglich.

Darin liegt das Problem: Die Landesdirektorin fügt sich, ohne auch nur ein kritisches Wort zu äußern, der Stiftungsrat, der einem Aufsichtsrat ähnlich die strategische Ausrichtung des öffentlichrechtlichen Senders mitsteuern sollte, schweigt ebenfalls. Die Causa sei nicht Stiftungsratsthema, heißt es. Die Kulturschaffenden rebellieren. Sie haben in einem zusehends akulturellen politischen Klima aber kein Gehör mehr. Die Kunstministerin schweigt – wie zu vielen wesentlichen kultur- und bildungspolitischen Debatten im Lande. Marcel Reich-Ranicki und Humbert Fink haben diese einzigartige Veranstaltung – immer wieder lautstark kritisiert ob des Wettkampfcharakters – begründet. Und damit dem kulturell kaum aktiven Klagenfurt zu internationaler Bekanntheit jenseits des Lindwurms und der Altnazis verholfen. Jetzt regiert dort zwar ein ehrbarer, sozialdemokratischer Landeshauptmann, aber es kehrt auch das Mittelmaß wieder zurück.

Dem ORF ist – derzeit – Literatur offensichtlich nicht zumutbar. Das ist – bei allem Respekt vor den Leistungen des öffentlich- rechtlichen Unternehmens –

ein Armutszeugnis. Es geht nicht um Messi oder Haderlapp. Nicht um Anna oder Lutz, um im Vornamenfetischismus des ORF zu verharren. Es geht um „sowohl als auch“. Um Mut und Spektakel. Noch ist nicht 2014. Man erwartet ein Einlenken. 

[Jenseits des HORIZONT]
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