Lesen statt Zeitunglesen?
 

Lesen statt Zeitunglesen?

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Jenseits des HORIZONT

Die deutschen Zeitungen starten – wieder einmal – eine Kampagne für das gedruckte Blatt. Sie ­wollen unter Nutzung von TV, Plakaten und Print als Werbeträger die Menschen „über das Lesen zur Zeitung“ führen und vor allem Nichtleser ­ansprechen.

So weit, so gut. Was man unter „Nichtleser“ ­versteht, wird nicht entäußert. Sind es Menschen, die nicht lesen? Sind es Menschen, die nicht ­lesen können? Oder wollen? Verweigerer oder Ignoranten?

In Deutschland gibt es jüngsten Untersuchungen zufolge etwa zwölf Millionen funktionale Analphabeten: Menschen, die nicht sinnzusammenhängend lesen und verstehen können. Die Zahl wächst dramatisch rasch an. Es sind nicht nur ­Jugendliche oder Menschen mit migrantischem Hintergrund, nein, immer häufiger sind es ­Erwachsene mit Schulabschluss (Primär- und ­Sekundarschule), die Lesen verlernen.

Den Verlust des Lesevermögens den neuen Medien zuzuschieben, ist zu einfach und auch falsch. Die Schule allein verantwortlich zu ­machen, ebenfalls. Es liegt eher daran, dass es einer Gesellschaft zunehmend gleichgültig wird, wie es ihren Mitgliedern geht. Entsolidarisierung führt dazu, dass man die Emarginierten nicht mehr wahrnimmt. Sie werden ausgeblendet und bleiben ausgegrenzt. Werden mit Kulturtechniken nicht mehr vertraut gemacht, weder gefordert noch gefördert.

Man schmeißt ihnen ein paar Brosamen hin, damit sie vegetieren können und verdrängt sie. Die 27 Millionen Arbeitslosen in der EU werden vom System zur Kenntnis genommen, abgesehen von Lippenbekenntnissen und dem hehren ­Versprechen der EU, die Jugendarbeitslosigkeit ­abschaffen zu wollen und eine staatliche Garantie für Beschäftigung zu installieren. Dies sind paternalistische Arroganzen einer Gesellschaft, die Ausgrenzung, Nichtwissen und Nicht-lesen-Können materialisieren.

Die Medien müssen sich nicht wundern, dass ihnen die Leser abhandenkommen. Es ist nicht so, dass sie massenhaft ins elektronisch Alternative abwandern. Es ist so, dass sie nicht mehr in der Lage sind, Medien, deren Funktionsweise und Inhalte zu begreifen. Zusammenhänge zu erfassen. Also schauen sie fern. Klassisches, narratives TV. Die Zuschauerzahlen steigen in nahezu allen europäischen Ländern. Gerade in den „bildungsfernen Schichten“. Die kritischen Telenovelas ­fungieren als Lese- und Fantasieersatz der Analphabeten und Hoffnungslosen. Das müsste man aufgreifen. Und zu einer umfassenden Bildungsoffensive aufrufen. Dabei könnten Medien – alle miteinander und inklusive der Giganten des Webs – kooperieren.
Lesen lernen heißt Welt erfahren. Das sollte Anliegen sein.

[Jenseits des HORIZONT]
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