Lebensmittelwerbung: Die Hebel für künftige W...
 
Lebensmittelwerbung

Die Hebel für künftige Werbeverbote sind angesetzt

Sabine Klimpt

Käpt’n Iglo hat ausgedient und wird in die Pension geschickt. Marmelade? Zu süß. Und steirisches Kernöl? Einfach ungesund.

Walter Zinggl, bekannt wortgewaltiger Präsident der IAA-Austria und im Brotberuf Vermarkter (IP Österreich), hat so etwas in 40 Jahren Karriere noch nicht erlebt – nämlich, dass er sich für die „Freedom of Commercial Speech“ einsetzen müsse angesichts eines drohenden Werbeverbots für Lebensmittel. Realitätsferne und Wirtschaftsfeindlichkeit sind noch das Geringste, was er Vertretern der Nationalen Ernährungskommission (NEK) vorwirft, die am Montag dieser Woche Ernährungsprofile und Schwellenwerte beschlossen hat, welche sich im schlimmsten Fall auf das Wirtschaften einer gesamten Branche auswirken. Der potenzielle finanzielle Schaden, der entstehen könnte: kaum zu beziffern.


Denn nicht allein Kinder könnten künftig vor der Bewerbung von ungesunden Lebensmitteln beschützt werden (was längst über Selbstregularien der Branche geschieht), sondern gleich die gesamte Bevölkerung. Markenprodukte von Manner, Red Bull, Milka, Almdudler oder Kelly? Sind mit zu viel Zucker, Fett oder Salz versehen und deshalb aus dem Bewusstsein der Konsumenten und wohl bald auch aus Regalen zu verbannen. Fischstäbchen? Käpt’n Iglo hat ausgedient und wird in die Pension geschickt. Marmelade? Zu süß. Und steirisches Kernöl? Einfach ungesund.

Alles kaum vorstellbar, aber in einer giftigen Mischung aus gesetzlichen Vorgaben via AVMD (Audiovisuelles Mediendienste-Gesetz), überschießenden Empfehlungen der NEK und bürokratischer Eigendynamik tatsächlich ein bedrohliches Szenario. Von Verboten „durch die Hintertür“ sprechen denn auch unisono Werber und Markenartikler.

Vonseiten des zuständigen Gesundheitsministeriums betont man zwar, dass weder Werbeverbote noch eine Novelle des AVMD-Gesetzes angedacht seien und man verweist auf die Selbstreguierung der Werbewirtschaft durch den Österreichischen Werberat, aber der Teufel steckt im Detail. Die Hebel für ein Werbeverbot sind nun geschaffen. Darauf zu hoffen, dass diese niemand zur Wirkung bringt, reicht schlicht und einfach nicht. Es geht am Ende auch um Rechtssicherheit für eine Industrie.

Was wirklich erschüttert: dass die mit rund 70 Sozialpartnern - darunter Städtebund, Gewerkschaft, Seniorenrat – und Medizinern aller Sparten besetzte Ernährungskommission derart lebensfremd agiert und offenbar ein völlig veraltetes beziehungsweise gar kein Verständnis für Marktkommunikation besitzt. Oder wie es Walter Zinggl formuliert: „In dem Moment, wo die Auswahl von Produkten beim Konsumenten liegt, muss es auch die Kommunikation an den Konsumenten geben. Diese einfache Regel versteht man einfach nicht. So funktioniert unsere Gesellschaft nicht.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.

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