Laut streiten? Still arbeiten!
 

Laut streiten? Still arbeiten!

Editorial von Sebastian Loudon

Wenn Sie jetzt glauben, dieser Appell richtet sich an Faymann/Spindelegger oder gar an Merkel/Sarkozy, muss ich Sie enttäuschen. Es geht nicht um die Rettung der Eurozone oder die Schuldenbremse, vielmehr um die Niederungen der Kammerpolitik in der Standesvertretung der Kommunikationsbranche, konkret um die Wiener Fachgruppe für Werbung und Marktkommunikation. Vorweg möchte ich allen Mitgliedern des Ausschusses dieser Fachgruppe Wien meinen Respekt ausdrücken und meinen Dank – und mein tief empfundenes Beileid. 

Meinen Respekt dafür, dass sie sich ehrenamtlich um die Interessen dieser Branche kümmern, meinen Dank dafür, dass sie eine Reihe von Initiativen setzen, die dem Fortkommen der Branche dienen – und mein Beileid dafür, dass es in diesem Gremium einigen offenbar nur um die Selbstverwirklichung als Funktionär, die Befriedigung des eigenen Geltungsdranges oder – noch schlimmer – um das Austragen parteipolitischer Scharmützel geht. Was legitimiert mich zu diesem Befund? Zum ersten Mal durfte ich einen Blick in das Innenleben dieses Gremiums werfen, wenn auch nur durch zwar verschlossene, aber zu meinem Leidwesen keineswegs schalldichte Türen. 

Es begab sich, dass ich als Teil einer Arbeitsgemeinschaft den Ausschussmitgliedern einen Vorschlag für ein kleines Projekt präsentieren durfte. Unsere Präsentation war für 16:45 angesetzt, um 17:25 wurde uns Einlass gewährt. In den vierzig Minuten dazwischen bekam ich einen authentischen Eindruck dessen, was sich in diesem Gremium so abspielt. Ich will mich kurz fassen: Durch die Türen kam kleinliches – aber umso lauteres – Gezänk. Parteipolitisches Hickhack. Zwischendurch verließen einzelne Mitglieder des Gremiums kurz den Saal, beklagten sich bei uns Staunenden darüber, ihre wertvolle Zeit „diesem Kindergarten“ zu opfern. Meiner natürlichen Neugier zum Trotz wollte ich nicht wissen, worum es genau bei den Streitereien ging – ich erfuhr es dennoch. Auf Twitter, noch am gleichen Abend. Denn eines der Ausschussmitglieder, der Designer Marcus Arige, liebt es, seine Anliegen als Funktionär via Facebook, Twitter und eigenen Blog kundzutun. Er ist Teil von „Team Werbung Wien“ – so nennt sich die sozialdemokratische Fraktion in der Fachgruppe unter der Leitung von Gewista-Chef Karl Javurek. Dieses Team Werbung Wien stellte – auch dies erfuhr ich von Arige auf Twitter – den Antrag, die Sitzungen des Fachgruppen-Ausschusses sollten künftig mittels Tonbandprotokoll für die Nachwelt gesichert werden. Zudem sei er sehr angetan von der Idee der Grünen-Fraktion, die Sitzungen via Livestream in die ganze Welt zu übertragen. 

Gewiss: Die Ausschusssitzungen der Wiener Fachgruppe für Werbung und Marktkommunikation können in ihrer Bedeutung gar nicht überschätzt werden, und der Sendungsdrang mancher Mitglieder ist bestimmt dem Bestreben geschuldet, die ganze Welt an diesen Sternstunden der Kammerpolitik teilhaben zu lassen. Als einer, der so eine Sternstunde allerdings vierzig Minuten lang quasi live ertragen musste, rate ich, die Sache mit den Tonbandaufnahmen oder der Liveübertragung noch einmal in aller Ruhe gründlich zu überdenken. Es könnte nämlich dazu führen, dass sich viele Marktteilnehmer fragen, wie sie dazu kommen, mit ihren Zwangsmitgliedschaften so ein Kindertheater zu finanzieren. Wenn es einer Standesvertretung in einer so herausfordernden Zeit nicht gelingt, über die Fraktionsgrenzen an einem Strang zu ziehen, sollte man es mit der Transparenz nicht übertreiben. 
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