Land der Leser – noch. Land der Nichtwähler –...
 

Land der Leser – noch. Land der Nichtwähler – schon lange

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Jenseits des HORIZONT

In Österreich wird noch immer gelesen. Die Zahl der Tageszeitungsleser ist seit Jahren nur leicht rückläufig. Das sagt wenig über Leseintensität und noch weniger über Lese- und Verarbeitungsqualität aus. Die Zahl der Tageszeitungskäufer ist dramatisch gesunken – um etwa 20 Prozent seit der Jahrtausendwende.

Das ist alarmierend. Man sollte dennoch Vergleiche nicht scheuen: Im selben Zeitraum hat die Wahlbeteiligung deutlich abgenommen. Je nach Wahl um bis zu 30 Prozent. Besonders beschämend: Das Interesse an EU-Wahlen. Im selben Zeitraum haben die beiden Großparteien massiv an Wählern verloren. Gemeinsam erreichen beide weniger als die SPÖ in den Achtzigerjahren. Beide Parteien haben in 15 Jahren fast die Hälfte ihrer Anhänger verloren: Gerechnet auf die Bevölkerung wird die SPÖ von knapp 13 Prozent gewählt, die ÖVP von elf Prozent. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl derjenigen,die keinen Schulabschluss vorweisen können, mehr als verdoppelt. Trotz steigenden Wohlstands und massiver Ausweitung des Wissensangebotes und Wissenszugangs – durch Internet und Neue Medien – ist die Zahl derjenigen, die über keinerlei Kulturtechniken verfügen, dramatisch gestiegen. Beileibe nicht nur wegen der Migranten. In Österreich leben etwa 700.000 bis 800.000 primäre und sekundäre Analphabeten. Die Zahl derjenigen, die überhaupt nie am Berufsleben teilgenommen haben, dürfte sich vervierfacht haben.

Wir reden von Bildungs- und Wissensgesellschaft, von Social Communities und konstatieren, dass immer mehr Menschen permanent online sind. Wir verdrängen dabei aber Zahlen: Eine Million Facebook-Members mit durchschnittlich 200 Friends klingt nach viel. Ebenso wie Millionen von Likes. Aber: Es gibt acht Millionen Einwohner, davon zehn Prozent, die weder lesen noch schreiben können, keinen Zugang zu Onlinemedien haben. Und es gibt immer noch nahezu 25 Prozent Nonliner.

Dass dennoch mehr als 70 Prozent der Österreicher Zeitung lesen (oder ­zeitungsähnliche Produkte) mag also ­relativ zufriedenstellend klingen – an­gesichts einer beängstigenden Entpolitisierung und einer sich dramatisch öffnenden Schere zwischen jenen, die am gesellschaftlichen und kommunikativen Leben teilnehmen können, und jenen, die ausgegrenzt sind. Die Diskrepanz arm/reich ist die Diskrepanz gebildet/nicht gebildet, vom Wissens­erwerb ausgegrenzt oder daran teilhabend. Es steigt die Zahl der Menschen, die sich vom aktiv politisch mitgestaltenden Leben verabschiedet haben. Ebenso steigt die Zahl der Menschen, die nicht teilhaben dürfen, weil sie nicht wahlberechtigt sind. In Wien sind es beispielsweise knapp 20 Prozent.

Statistiken sind zumeist trocken, fad. Ich denke, es wäre – auch zur eigenen Ehrenrettung – eine lohnende Aufgabe von Medien (auch der Gratismedien), Relationen herzustellen, Zahlen zueinander in Beziehung zu setzen, Vergleichsbilder zu kreieren, falsche Bilder und Vorstellungen zurechtzurücken. Man nennt das Datenjournalismus. Wer 70 Prozent der über 14-Jährigen täglich erreicht, hat die Verpflichtung dazu. Ein Ausweg aus der Medienkrise? Nein, aber ein kleiner Anstoß.

[Jenseits des HORIZONT]
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