Kündigt sich das Ende des Verlagswesens an?
 

Kündigt sich das Ende des Verlagswesens an?

Kommentar von Walter Braun

Was ist eigentlich ein „Verlag“? Laut Wikipedia ein „Medienunternehmen, das Werke der Literatur, Kunst, Musik, Unterhaltung oder Wissenschaft vervielfältigt und verbreitet. Der Verkauf kann über den Handel (...) oder durch den Verlag selbst erfolgen.“ Nichts davon charakterisiert, was Verlage heutzutage online machen. Clay Shirky, Professor für interaktive Telekommunikation an der New York University, vertritt daher die radikale These, dass die Institution Verlag auf dem Weg des Dodos ist. Verlegen heißt letztendlich „veröffentlichen“. Traditionell war dies ein aufwendiger Prozess, der heute unter Umständen nur noch einen Knopfdruck erfordert. Das Internet stellt in gewissem Sinne eine permanente Öffentlichkeit dar, die im Vor-Net-Zeitalter erst mühsam erzeugt werden musste. Ergo muss das Verlagswesen neu angedacht und strukturiert werden. Gefragt sind nach wie vor Spezialisten, die Texte redigieren und von Faktenirrtümern bereinigen. Ferner Designer, die aus einem Buchstabensalat etwas optisch Ansprechendes machen. Und natürlich kreative Geister, die Themen finden und aufbereiten. Aber müssen all diese Funktionen unter dem Dach eines Verlages gebündelt sein?

Da Öffentlichkeit zu schaffen nicht länger teure Mangelware ist, geht es nun hauptsächlich um die Erzeugung von Nachfrage. Natürlich wird es weiterhin Verlage im traditionellen Sinne geben, solange das Erscheinungsformat Print ist – aber die Exklusivität der Plattform (z. B. Zeitung) bzw. des Vertriebsweges (z. B. Buch) ist dahin. Ein Möchtegern- Autor kann heute via Blog und Web oder über Lesegeräte wie Amazons Kindle direkt auf die Suche nach Interessenten gehen. Also müssen Verleger, um im Geschäft zu bleiben, Zusätzliches bieten. Einfach eine Website zu schaffen, um den digitalen Absatzweg abzudecken, genügt nicht. Zeitungen sind auf Neuigkeiten angewiesen – aber wie lange hält sich der Mehrwert „neu“ im digitalen Umfeld, wo kopiert wird wie noch nie? Zudem wird „exklusiv“ immer seltener: Bedeutende Persönlichkeiten, die etwas kundtun wollen, versuchen in einer zunehmend inhomogenen Medienwelt so viele Nachrichtenquellen wie möglich zu erreichen (dabei die Exklusivitätswünsche der einzelnen Medien, die im Grunde ihre Existenz ausmachen, zerstörend).

Was tun? Ein Weg wäre, bedeutende Exklusivmeldungen monetär auszuschlachten. Bei der New York Times überlegt man allen Ernstes, künftig Geschichten, die das Potenzial haben, Märkte zu bewegen, Interessenten vorzeitig anzubieten. Auf die Idee kam der Verlag, nachdem er Bestechungsvorwürfe gegenüber dem EH-Riesen Walmart aufdeckte – was prompt zu einer Börsenkorrektur von 16 Milliarden Dollar im Unternehmenswert führte. Fragt sich bloß, wie oft Medien solche Coups zu offerieren haben. Ein anderer Weg wäre, Kontext zu bieten: Wenn jede Online-Plattform dieselbe Meldung bringt, kann nur hervorstechen, wer den Hintergrund und Sinn des Gemeldeten erläutert und in einen übergeordneten Zusammenhang stellt. Dazu braucht es Einsicht. Letztlich würde dann die Stärke eines Verlages nicht länger auf dem Vertrieb beruhen, sondern auf einem Wissenspool …

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