Krokodile, die weinen
 

Krokodile, die weinen

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Jenseits des HORIZONT

Pressefoyer adé! Gläsernes Pult, selten glasklare Worte, noch seltener relevante Inhalte. Ein Dienstagsritual, das ohnehin schon lästig war, fehlt plötzlich, als sei Wertvolles verloren gegangen. Österreichische Nostalgie: Viel wert war es zwar nicht, das Alte wird aber glorifiziert, wenn es nicht mehr da ist. Interessant war das Pressefoyer, wenn Kanzler und Vizekanzler offensichtlich stritten, sichtliches Mienenspiel und Körperhaltung vielsagend waren. Man konnte vergleichen, wer wie gut oder schlechtsitzende Anzüge hatte, wessen Schuhe handgefertigt und gut gepflegt waren, welche nicht. Schuhe und Anzug von der Stange, das wäre Bruno Kreisky nie passiert. Er hatte auch keinen Widerpart als Vizekanzler und umgekehrt, keine Koalitionspartner.


Und zudem Wissen und Sinn für Unterhaltung. Sein Satz mit den Nassrasieren ist legendär, der mit „Lernen sie Geschichte“ ebenfalls. In den vergangenen Jahren gähnende Inhaltsleere, wenig Unterhaltung, kaum ein Schmäh, dafür viel infantiles, pubertierendes Verhalten und ganz selten eine Überraschung. Das Pressefoyer langweilte und wenn, dann versuchten die Medien post festum oder vorher irgendein Exklusivinterview mit einem Kanzler oder Vizekanzler oder horchten Vasallen aus, die öffentlich den Auftrag hatten, stellvertretend ein wenig zu zündeln, oder sie passten Minister ab.


Jeden Dienstag – immer öfter aber auch mit Ausfällen oder Stellvertreterbeschickungen, wenn Ex-Kanzler Faymann keine Lust oder zu viel Angst hatte. Das Pressefoyer als Metapher für die Mediokrität österreichischer Politik- und Medienberichterstattung.


Sie treffen einander oft auf gleichem Niveau. Das nun ein Sturm der Entrüstung stattfindet, ist lächerlich, dass Pressefreiheit und gar Demokratie gefährdet seien, blanker Zynismus. Dass die Opposition schäumt, ist logischer Reflex. Muss sie ja. Dass Kanzler Kern mitteilt, man werde in Zukunft verstärkt über soziale Medien kommunizieren, ist fatale Unkenntnis über Funktionen, Möglichkeiten und Mechanik sozialer Medien und Communitys. Und ist gefährlich. Hintergrundgespräche nur noch mit Medien, die „passen“.


Zudem beherrschen weder SPÖ noch ÖVP den Umgang mit sozialen Medien. Die FPÖ kann das perfekt und wird sich ihren Vorsprung auch nicht nehmen lassen. Das Szenario virtueller Kanzlerauftritte und Managementbotschaften des CEO der Republik lassen noch mehr an Mediokrität befürchten. Die VP wird wahrscheinlich mehrere Kanäle bespielen wollen und damit interne kognitive Differenzen noch stärker nach außen tragen. Man kann das auch eine Variante von Transparenzpolitik nennen. Vorne Kurz, dann lange nichts, dann vielleicht der Bauernbund, die medial wahrscheinlich professionellste „Abteilung“ der VP. 


Bleibt nur noch ein Showmann, der bestenfalls dienstags Hof hält. Michael Häupl ist Meister der freien Rede und schrägen Metaphern. Dienstagsnews: Steinsaal statt Bundeskanzleramt.
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