Konsum taugt nicht zur Selbstfindung …
 

Konsum taugt nicht zur Selbstfindung …

Kommentar von Walter Braun

Was erklärt den kometenhaften Aufstieg einer Selbstdarstellerin mit dem Namen Lady Gaga? Ihr Rezept ist simpel: auffallen mit Brachialgewalt und sicherstellen, dass eine Kamera in der Nähe ist. Bis vor Kurzem hätte das nicht genügt, denn die Hüter der Popularität waren die Massenmedien beziehungsweise deren Redaktionen die Hürden auf dem Weg dorthin. Doch die werden mittlerweile vom Web angetrieben. Da schnattern zwei Kleinkinder aufgeregt „Da-da-da“ miteinander, und schon hat das Billigstvideo zehn Millionen Hits – was natürlich berichtet werden muss. Frauen ziehen sich aus, Männer riskieren ihre Gesundheit bei blöden Stunts. Auffallen um jeden Preis. Aber warum, und warum gerade jetzt so dringend?

In seinem Buch „Civilization: The West and the Rest“ vertritt der Historiker Niall Ferguson die These, der Aufstieg des Westens beruhe auf sechs spezifischen Innovationen: Wettbewerb, Demokratie, Wissenschaften, Medizin, Arbeitsethik und jüngst die Konsumgesellschaft. Doch die beruht auf einem Widerspruch: Billige Konsumware (= standardisierte Massenproduktion) wird als Ausdruck von „Individualität“ vermarktet. Um diese Fantasie aufrechtzuerhalten, ist Marketing absolut unverzichtbar. Die Medien vermitteln uns, was Bedeutung besitzt. Aber die Matrix hat Risse bekommen: Wenn Milliarden Menschen rund um den Erdball Jeans kaufen, kann das nicht länger als „Selbstausdruck“ durchgehen, selbst wenn das Werbefernsehen es so darstellt. Daraus erklärt sich die geradezu absurde Anbetung von Pseudozelebritäten – Menschen werden angehimmelt, weil sie durch Zufall vor einer TV-Kamera gelandet sind und auf diese Weise auffallen. Der Psychoanalytiker Carlo Strenger ortet hinter diesem Verhalten eine tiefe existenzielle Unzufriedenheit. Die wiederum erklärt, warum in unserer rundum abgesicherten Welt so viele freischwebende Ängste zu registrieren sind. Hinter dem Stargetue und der extremen Popularität von sozialen Medien steht also die Angst vor Bedeutungslosigkeit.

Wir leben in einer Welt, in der fetischisierter Konsum religiöse Sinnstiftung ersetzen soll, wo Scheinintimität auf Facebook an die Stelle sozialer Gemeinschaften und des Familienlebens tritt. Doch die illusionären Fluchten und falschen Identitäten bringen ein existenzielles Vakuum mit sich. Und Lady Gaga zeigt scheinbar, wie man sich da durchschwingt – mittels exzentrischer Kleidung oder halbnackt vor dem unersättlichen Kameraauge, das nach Aufsehen giert. Gesehen werden = in seiner Existenz bestätigt sein. Natürlich ist das wiederum eine Illusion und Teil der gigantischen Eskapismusindustrie, die ein erfülltes Dasein durch ein uneigentliches Leben ersetzt.

Aber was bleibt uns denn Echtes, nachdem Werbung und Medien jede menschliche Erfahrung (inklusive Spiritualität) kommerzialisiert haben? Haltbare Werte und Selbsterkenntnis werden wieder gefragt sein …

Lesetipp: „The Fear of Insignificance: Searching for Meaning in the Twenty-first Century“ von Carlo Strenger, Verlag Palgrave MacMillan, 2011. 

Walter Braun
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