Knien vor der Politik
 

Knien vor der Politik

Kommentar von Philipp Wilhelmer

Man kann sich darauf verlassen: Wann immer Politiker zur Medienkritik ansetzen, tun sie das unzuständig, unkundig und mithilfe von Unterstellungen. Umso toller, wenn tatsächlich ein Journalist an einem wunden Punkt erwischt wird. Diese Erfahrung musste Österreich-Innenpolitikchef Günther Schröder machen, der es gewagt hatte, den schwer behinderten ÖVP-Behindertensprecher Franz-Joseph Huainigg in einem Ranking als „faul“ zu bezeichnen. Konkret war er in der aktuellen Auflistung – gemessen wurden Redenzahl, Ausschussmitgliedschaften und ähnliche Kriterien – in den Top Ten der untätigsten Politiker gelandet.

Man kann darüber streiten, wie aussagekräftig so ein Ranking ist. Dass der Vielredner Gerald Grosz (B) mit „Gold“ ausgezeichnet wurde, mag als Indiz dienen. Interessant ist aber, was die ÖVP daraus machte. Klubchef Karlheinz Kopf erklärte seinen Abgeordneten    nämlich    für    sakrosankt: „Das    Wirken dieses Menschen anhand der Zahl seiner Reden im Nationalrat zu qualifizieren – tiefer geht’s einfach nicht!“– polterte er in einem offenen Brief. Zahlreiche Meinungsmacher im Social Web polterten mit. Und Schröder? Der entschuldigte sich. In einer regelrechten Unterwerfungsgeste schrieb er Huainigg, wie leid es ihm tue, man habe ihn ja eh nicht mitzählen wollen. Man habe das in der Redaktion eh besprochen, aber jetzt sei der Fehler doch passiert.

Den Brief hätte er sich sparen können. Huainigg, gewohnt präzise, antwortete trocken: Es habe ihn zwar getroffen, aber vielmehr störe ihn die Art der Rankings. Wenn diese nach Kriterien erfolgen würden, die aussagekräftiger wären, dann könne man ihn gerne unter die Top-Faulenzer nehmen. Es gehe ihm keineswegs darum, „wegen meiner angeblich geringeren Leistungsfähigkeit aus der Wertung“ genommen zu werden.

Noch Fragen? Österreich macht ein Ranking, dessen Kriterien – so diskussionswürdig sie auch sein mögen – zehn „Faulenzer“ auswirft, unter denen sich ein behinderter Politiker befindet. Dessen Chef findet das ungeheuerlich – der Mann sei ja schließlich behindert – und der Journalist räumt betroffen einen Fehler ein. Unterm Strich bleibt übrig, dass dem betroffenen Politiker herzlich egal ist, ob er im Ranking ist. Und dass er behindert ist, findet er zu Recht zweitrangig. Aber das Ranking sei eben fragwürdig. Liebe ÖVP: Die Inhalte machen immer noch die Journalisten. Und die sollten sich einfach nicht mehr entschuldigen. Nicht bei Unkundigen, Unzuständigen und schon gar nicht wegen Unterstel- lungen.
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