Kleine Rache, große Wut
 

Kleine Rache, große Wut

Glosse von Clemens Coudenhove

Der ehemalige deutsche Bundespräsidente Christian Wulff wählte den Zeitpunkt seiner Rücktrittsrede im Schloss Bellevue sicher nicht ganz freiwillig. Denn die von der Staatsanwaltschaft beantragte Aufhebung seiner Immunität, um mit den Ermittlungenbeginnen zu können ("Korruptionsverdacht"), am Donnerstag, dem 16.Februar, machte auch die weitere Unterstützung von Kanzlerin Merkel für ihren Schützling unmöglich. 

Am Freitag, dem 17. Februar, kurz nach 11 Uhr dann die Verlautbarung des Rücktritts, in der Wulff zwar "Fehler" einräumte, jedoch betonte, sich nie etwas strafrechtlich Relevantes zu Schulden kommen lassen zu haben. Fast hatte derZeitpunkt seiner Rede den Anschein, sich beim Spiegel rächen zu wollen. Denn für das Nachrichtenmagazin ging sich der Rücktritt nicht ganz aus, obwohl es keinen Zweifel mehr daran gab. 

Als eine Art Todesstoß hievte der Spiegel den Ex-Präsidenten noch einmal aufs Cover, mit gesenktem Blick und der Headline "Der unvermeidliche Rücktritt". Denn das Hamburger Printleitmedium habe ja schon von Anfang an gewusst, dass Wulff "der falsche Präsident" gewesen wäre, vor allem aufgrund dessen Glamoursucht. Gepeint waren auch österreichische Journalisten, was das Profil mit der Headline "Ihre Skandale möchten wir haben" treffend zum Ausdruck brachte. 

Was verbinden wir, was unsere Politiker eigentlich mit dem Begriff "Rücktrittskultur"? Während sich deutschsprachige Medien darüber ärgern, dass Wulff stolze 199.000 Euro Jahressalär ("Ehrensold") plus Sekretärin, Auto, Fahrer und Büro bekommt, freut sich der Österreicher wenigstens darüber, dass man einem keine Gier nach Rabatten und Luxus vorwerfen kann. Danke, Heinz Fischer!

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