Keine Chance auf Alltagslosigkeit
 

Keine Chance auf Alltagslosigkeit

Kommentar von Andreas Hierzenberger

Des Sonntags fuhr ich, der strahlende Herbsttag lockte, mit dem D-Wagen Richtung Nußdorf, um mich in den Weinbergen rund um Kahlen- und Leo­poldsberg wandernd zu verlustieren. Den Transport hätte auch die U4 getan, aber ich wollte mir die Zeit oberirdisch aus dem Fenster schauend vertreiben.  Wien kann so schön sein, an einem Ringwagenfenster vorbeiziehend. Zu meinem schlagartigen Verdruss fand ich mich in einer dieser mit Außenwerbung bedruckten Garnituren wieder – der Blick aus dem Straßenbahnfenster war mir aus diesem Grund, wenn schon nicht gänzlich verwehrt, nur mit Kopfschmerz möglich. Das Tüpfelchen auf dem i war dann einer der ubiquitären Infoscreen-Monitore, im Sekundentakt um meine Aufmerksamkeit heischend – und sie mangels Lesestoff im Gepäck oder anderer Alternativen letztlich auch bekommend, wenn auch widerwillig. Ein Sammelsurium aus APA-Kurz­meldungen und ein eher dümmlicher Wissenstest schlugen sich mir leider nach kurzer Zeit aufs Gemüt.

Das ist Erpressung, ganz einfach. Ja, niemand ist gezwungen, Werbung zu konsumieren, schon recht. In diesem speziellen sonntäglichen Falle indes hatten die Passagiere wirklich keine ­andere Chance, als Infoscreen zu verfallen – zumindest diejenigen, die nicht autistisch an ihren Smartphones und anderen Gadgets herumfingerten. Ich frage mich: Wie viel Werbung im öffentlichen Raum ist zumutbar? Hier muss strenger reguliert werden. Entweder mangelnde Aussicht, da außen­beworben, dafür im Inneren Ruhe vom Werbegedröhn – oder umgekehrt. Und: Würden sich die Infoscreen-Verantwortlichen einmal dazu herablassen, das dargebotene Programm einer gründlichen Revision zu unterziehen? Warum nicht einmal Zitateraten statt „Was macht [sic!] eine Photovoltaikanlage?“, Lyrik statt Tagesnews-Schlagzeilen? Die paar Minuten in der Bim ohne Alltagswelt tun niemandem weh, ganz im Gegenteil: Vielleicht gehen sich auf den paar Zeilen Bildschirm mal ein wenig Lebensfreude und Bildung aus?
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