Jenseits des HORIZONT
 

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Freiheit des Rücktritts

Der Pressesprecher der CSU hat interveniert: bei der ARD und beim ZDF. Und ist wenige Tage nach Bekanntwerden dieser „versuchten Beeinflussung“ zurückgetreten. Eigentlich aber, so interpretieren Medien, soll der CSU-Generalsekretär interveniert haben. Vielleicht muss auch er zurücktreten. Deutschland ist anders. Deutschland hatte auch die Spiegel-Affäre, vor ziemlich exakt 50 Jahren. Damals musste Strauß gehen. In Österreich interveniert man beim Kaiser. Der muss nicht gehen. In Österreich wird Intervention anders betrieben. Schamhafter. Die Redakteure des ORF wehren sich zumeist erfolgreich. Die Manager und Administratoren sehen das womöglich anders. Vorauseilender Gehorsam ist vielen von ihnen immanent. Schließlich wurden sie zum Großteil von Politik auf ihre Posten gehievt. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind stark in Deutschland und in Österreich. Die politische Kultur in Deutschland ist anders als die Unkultur in Österreich. Das unterscheidet die beiden Länder – ebenso wie die gemeinsame Sprache. Und die doch so diametrale Semantik. Eine Tageszeitung – und selbst ein privater TV-Sender – in Deutschland, die etwas auf sich hält, würde nicht nur Interventionen grundlegend ablehnen, sondern sich auch hüten, Kommentar und Berichterstattung zu vermengen. In Österreich ist beides gang und gäbe. (Einige Medien seien ausgenommen.)

In Deutschland deklariert ein inkriminierter Kanzlerkandidat wie Peer Steinbrück nach kurzer Zeit seine „Nebeneinnahmen“ aus Vorträgen: immerhin 1,2 Millionen Euro. Er wird in Zukunft die Honorare spenden. In Österreich wäre dies undenkbar. Zu sehr klammern sich die beiden zum Mikromaß und zur Mittelgröße geschrumpften Regierungsparteien aneinander und an die gerade noch vorhandene Macht. In Deutschland bemüht man sich, Vergangenheit zu bewältigen. In Österreich verschleiert man noch immer. Und es sind durchaus jene Medien, die permanent Meinung und Berichterstattung vermengen, die immer wieder nationale Semantiken nutzen. Und wenn sie es scheinbar nur zitierend tun. Sie tun es, noch dazu recht gerne in Kombination mit kruder Bildsprache. Deutschland ist doch anders. Nicht besser. Nur ein wenig stärker bestrebt, der Wahrheit Genüge zu tun. Und sie nicht zu erfinden. Als Mythos des eigenen Anstandes.

In Österreich gehört es zur allgemeinen Unterhaltung. Mediokre Chefredakteure und mediokre Regierungsmitglieder passen sich einander an. Schöner als das Mittelmaß ist das Nanomaß. Mittlerweile ist es nicht einmal mehr Diminutiv. Aber: Es ist die Maßeinheit, die sie meinen – und verdienen.

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