Jenseits des HORIZONT
 

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Der Nobelpreis für ein Medium?

Die Europäische Union hat den Nobelpreis für Frieden erhalten. Eine weise, mutige Entscheidung des Komitees. Eine Entscheidung im Sinne des Stifters des Nobelpreises. Alfred Nobel wollte, dass große, weltbewegende Ideen ausgezeichnet werden. Die teilweise kindlichen Reaktionen zeigen auf, welcher „Stachel im Fleisch“ dieser Preis immer noch ist – abgesehen von der nahezu schon exzessiven Inszenierungsattitüde. Jedes Jahr wartet die Öffentlichkeit gespannt darauf, welche Entscheidungen die älteren Herren im Nobelpreiskomitee wohl getroffen haben. Der Nobelpreis hat eine ­nahezu magische Aura bekommen.

Es wurde medial darüber gestritten, wer wohl nun den Nobelpreis entgegennehmen wird und was man mit dem Geld anfangen sollte. Wer sollte es bekommen? Was sollte damit geschehen? Die EU seien doch wir alle, oder? All dieses Geplänkel zeigt auf, wie präsent der Nobelpreis ist. Und er erinnert schmerzhaft daran, dass der EU etwas fehlt: Die Narration. Die große, gemeinsame, philosophische, emotive ­Erzählung.

Ein europäisches Medium könnte diese Erzählung leisten. Symbolisch sollte man das Nobelpreisgeld als Startkapital für ein europäisches ­Medium stiften. Man stelle sich vor: Eine Kommunikationsplattform, multichannelig, multilingual, kontra­didaktisch, meinungsoffen, diskursiv. All das, was Europa ausmacht. Das Prinzip der „Diversity in Unity“, der gemeinsamen Kultur der Unterschiedlichkeiten, ist auch Wesen des Medialen. Ein Medium, das nicht nur Sprachrohr einer europäischen Idee ist, sondern Open Process dieser Idee. Transporteur und diskursiver Weiterentwickler zugleich. Kontradiktorisch und kontra­didaktisch zugleich. Innovativ und heimatlich traditionsverhaftet. Ein europäisches Medium zu schaffen, hieße Abschied zu nehmen von der Ideologie der Nationalstaaten, die per se ja Fiktion ist, und ein Hinwenden zu einem regionalen Bewusstsein von Nachbarschaft. Ein Europa der Region als Friedensprojekt statt einem Europa, das in einem Konstrukt gepferchter Nationalstaaten zwangsläufig zu Nationalismen führen muss. Regionen sind in ihrem Selbstverständnis friedvoll, da sie nicht expandieren können, sondern lediglich wachsen im Sinne des „Sich-neu-Definierens“. Enrich statt expand.

All das könnte ein europäisches Medium debattieren, darstellen und zeigen. Damit einem Kontinent die Kraft zu jenen Ideen wieder geben, die Selbstbewusstsein schaffen. Selbstbewusstsein zeichnet sich dadurch aus, das ihm Kritik immanent ist. Selbstkritik ist Konstituens von Selbstbewusstsein. Das wäre der europäische Dank für den Friedensnobelpreis. Ein europäisches Medium. Es muss her. Entschlossen.

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