Jenseits des HORIZONT
 

Jenseits des HORIZONT

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Plädoyer für die Krise

Krise ist, schrieb Antonio Gramsci sinngemäß, wenn das Alte stirbt und das Neue noch nicht ­geboren ist. Wenn man weiß, dass man mit tradierten Mitteln und Erkenntnissen nicht mehr weiter kann, aber nichts anderes Greifbares hat. Krise ist Transition, Leiden, Suche. Gut so.

Wenn die Medienbranche verzweifelt nach neuen Überlebenschancen und Prioritäten sucht, ist es Zeichen von Krise. Kein Zeichen von Krise ist, wenn man Ursache mit Wirkung verwechselt. Dann ist es schlichtweg Dummheit. Die Krise der sogenannten klassischen Medien liegt weder in der Übermacht des Internets oder der neuen digitalen Vertriebs-Channels noch der Krise der überforderten Konsumenten, sondern in der Hybris der Medien selbst. Wer seine Identität preisgibt, sich von seinen Zielen entfernt, muss sich nicht wundern, wenn er Existenzberechtigung und Akzeptanz verliert.

Wenn Medien zur Vertriebsplattform für alles und jeden werden wollen, zu Content-Aggregatoren und Newsing Machines oder Fun Worlds, haben sie gegen Profis wie Amazon, Google und wie sie alle heißen mögen keine Chance.

Wenn Medien glauben, dem – nicht einmal exakt definierten – Konsumenten nachhecheln zu müssen, geben sie ihre Grundmission auf. Den Führungs- und Orientierungsanspruch. Wer den Herrschenden nach dem Mund schreibt, wird auch allem und jedem nachhinken. Und zum Schluss auf der Strecke bleiben oder gefressen werden.

Wenn Medien glauben, dass Form den Inhalt bestimme, Content austauschbar sei, mögen sie erkenntnistheoretisch recht haben. Aber sie werden sich gleichzeitig selbst abschaffen. Wer sich nicht gegen etwas stemmt, das ihm entgegenkommt, fällt um.

Medien sollten über ihre eigene Sinnkrise reflektieren. Und darüber, welche Aufgaben – und weniger welche Vertriebsformen – sie heute ­haben. Wo sie Position finden, gesellschaftliche Prozesse begleiten, ergründen, erklären können. Wo und wie sie Kausalitäten darstellen und nicht bloß Nachrichten vertreiben oder Kommentare postulieren – das können Blogger auch. Medien sollen überlegen, welche bildungspolitischen, demokratiepolitischen Beiträge sie leisten sollen und können. Dann werden sie auch ökonomisch neue Felder finden. Qualität hat ihren Preis. Es gibt sie, diejenigen, die bereit sind, diesen Preis zu zahlen. Wer glaubt, mit gratis Informationsüberflutung und Reichweitenmaximierung In-Compensando-Quererlöse durch E-Commerce, Targeting Fees oder Ähnliches lukrieren zu können, mag kurzfristig erfolgreich sein.

Er prolongiert damit nur die Frist bis zum Ende. Und verliert obendrein das, was den Sinn jedes Unternehmens ausmacht: Wissen, wofür man da ist, was man womit will und wie man die Welt verändern möchte.

Deshalb. Krise ist Zeit zur Reflexion, meinte zumindest Gramsci.

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