Jenseits des HORIZONT
 

Jenseits des HORIZONT

#

Daguerre und das Urheberrecht?

Die Debatte um das Urheberrecht im Web wird skurriler und differenzierter zugleich. Die Piraten rudern zurück, alle verdammen die Flatrate, die deutschen Sozialdemokraten verwechseln Copyright mit Urheberrecht, die bürgerliche Mitte ist desinteressiert bis gespalten, die Produzenten halten sich zurück und schicken kreative Künstler-Lobbyisten mit Star-Appeal an die Front. Die Abmahnindustrie – clevere Rechtsanwälte, die schon Millionen mit Drohbriefen kassiert haben – gerät ins schiefe Licht. Zu Recht.

Die Konsumenten reagieren kaum. Unrechtsbewusstsein hat sich noch nicht eingestellt. Apropos Licht: Als der Franzose Daguerre ein Verfahren zur Herstellung von Abbildern (Fotos) entwickelte und dafür ein Patent bekam, tat er Kluges: Er verkaufte das Patent und das Recht auf Nutzung an den französischen Staat. Und erhielt dafür eine Leibrente. Das erste staatlich geschützte Open-Source-Unternehmen war gestartet. Es löste eine Revolution nach der anderen aus. Dutzende Techniker, Tüftler und sonstige Fachleute machten sich daran, Daguerres Verfahren zu verbessern. Schließlich hatte der französische Staat das Patent zur allgemeinen Nutzung freigegeben.

Die Konsequenzen: Eine neue Branche entstand. Die Fotografie, die binnen weniger Jahre die ganze Welt verändern sollte. Auch die Medien, die nach ein paar Jahrzehnten auf Fotos statt Zeichnungen umstiegen. Wahrnehmungsraster wurden verändert: Das Foto als unbestechlicher Beleg des realen Geschehens brachte neue Kriterien der Authentizität. Und die Reproduktion von Porträts veränderte die Kunst. Das Urheberrecht wurde neu definiert.

Anders als in den USA unterscheidet man in Europa immer noch zwischen dem Recht des Urhebers auf sein geistiges Eigentum und dem Verwertungsrecht – der massenhaften Reproduktion. Vielleicht sollte man sich angesichts der überhitzten Debatten um das Urheberrecht an diese Dichotomie erinnern: Nur was frei zugänglich und durch offizielle, staatliche Abkommen geschützt ist, kann Weiterentwicklung und Innovation auslösen. Dazu benötigt es Industrie, Verwerter, Distributoren. Sie sollen daran verdienen, schließlich haben sie investiert.

Der „Schöpfer“, falls man heute noch von einem solchen sprechen kann, muss für seine Leistung Geld erhalten. Ob Tantiemen oder Leibrenten ist gleich, ob Shares oder Pauschalen auch. Worüber man diskutieren könnte: Wie lange sollen angesichts der enormen Dynamik der digitalen Gesellschaft Leistungsschutzrechte gelten? 70 Jahre sind zweifellos zu viel. Entwirren statt verwirren und EU-weit harmonisieren. Wenn Europa schon keine gemeinsamen Medien und keine strukturelle Identität realisiert, dann wenigstens ein Urheberrecht, das in allen Staaten gleich gilt: getrennt nach Recht des Urhebers und seiner geistigen Leistung, nach Copyright und Leistungsschutzrecht.
Vielleicht sollte man in bestimmten Ansätzen doch etwas mehr auf die Thesen der Piraten achten – nicht alles ist chaotisch, was sie vorschlagen.

[Jenseits des HORIZONT]
stats