Jenseits des HORIZONT
 

Jenseits des HORIZONT

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Über das Unwesen der Wörter

Nachhaltigkeit wird durch „Smart“ abgelöst. Es klingt rascher, angenehmer, kürzer. Eben smart. Städte bezeichnen sich als Smart Cities, die neuen Wohnungen versprechen Smart Living, die neue Generation der interaktiven TV-Geräte zeigt Smart TV, Smartphones sind ohnehin schon ein alter Hut. Offensichtlich benötigt die Schlagwortgesellschaft ständig neue Selbstdefinitionen und verbale Irritationen, um die Konsumenten zu neuen Auf- brüchen in andere Konsumwelten zu bewegen.

Vorbeter – oder besser gesagt entideologisierter Nachahmer – ist die Politik. Sie will nicht mehr die Mitte ansprechen, sondern die Smart Urban Mover, die wenigen zu jederzeitigem Meinungswechsel bereiten Menschen. Populismus ist out, jetzt wird man smart. Die Wohlfühlgesellschaft trotz Krise. Das hat Vorteile: Man verfügt über einen Gegenbegriff zur Rechten, die „Heimat“ und „Mig- ranten“ usurpiert und gewissermaßen das Monopol auf Xenophobie hat. Man muss nicht mehr die Faschismuskeule schwingen, das Austreiben des Politischen aus der Politik wird zu einem Vorgang des Smart Votings. Manche nennen es auch Per- sönlichkeits-Wahl.

Smart Types win. Wenn es nicht die anderen gäbe, wäre alles smart. Die Piraten, die alleine aus dem Grund, dass sie anders sind, offensichtlich Wähler anziehen, wie das Licht die Motten. Sie sind zunächst grundsätzlich anders. Inhalte sind dazu da, dass man sie online erst erarbeitet. Auch das Basisde- mokratische erhält eine neue unverbindliche Dimension. Schließlich muss man lediglich online diskutieren. In dieser Parallelwelt tut man sich allemal leichter, Meinung offen zu entäußern. Der Unsinn wird zur akzeptierten Schnittmenge.

Inzwischen wächst die Anzahl derer, die weder smart sind noch sich Smartphones aneignen, es wächst die Anzahl derer, die mangels Sprach- und Lesekenntnissen verstummen müssen – und dann latent zur Gewalt neigen. Es entsteht ein sich aus allen gesellschaftlich-demokratischen Prozessen ausgrenzendes Proletariat. Die Stummen sind in der Tat verstummt. Die schweigende Masse, von der man früher paternalistisch wohlwollend sprach, schweigt tatsächlich. Nicht, weil sie nicht reden oder sich artikulieren will. Sondern, weil sie es nicht kann. Diese Masse der Stummen ist medienresistent, kann vielleicht noch Bilder aufnehmen, sie aber nicht verarbeiten. Irgendwann wird sie sich artikulieren. Sprachlos, stumm, aber spürbar. Hannah Arendt hat das Stumme das Totalitäre genannt.   

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