Jenseits des HORIZONT
 

Jenseits des HORIZONT

Engagez-vous

„Wir müssen aus Betroffenen Beteiligte machen.“ Dieser Satz stammt von keinem staatstragenden Philosophen oder Politologen, sondern von einem Unternehmer: Götz Werner, Gründer von dm und vehementer Verfechter eines garantierten Einkommens für alle, abgekoppelt von Arbeitsleistung und Erwerbstätigkeit. dm gilt als eines der fairsten und partizipativsten Privatunternehmen – noch dazu in einer Branche, in der Dumping-Löhne und Überteuerung von Arbeits- und Sozialgesetzen eher die Regel als die Ausnahme sind. dm hat die höchsten Quoten an Weiterbildungsinteressierten, ein relativ gutes Betriebsklima und zahlt im Schnitt besser als der Wettbewerb.

Die Betroffenen zu Beteiligten machen. In der herrschenden Politik sind dies maximal Schlagwörter und Lippenbekenntnisse. Beteiligen darf sich der Bürger lediglich, wenn es gilt, sozialisierte Verluste von Unternehmen durch höhere Steuerleistungen zu bezahlen. Es wundert nicht, dass das Interesse an Politik und politischem Geschehen hierzulande so gering ist wie noch nie. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung sind an Politik desinteressiert, trauen Politik nichts zu. Bei Jugendlichen ist dieser Wert noch höher. Die Betroffenen schicken sich an, sich abzuwenden. Krise hin oder her. Illusionen gibt es kaum mehr. Man konzentriert sich auf sich selbst – und auf den Konsum, auf materielle Lebenssicherung, auf Karriere vielleicht noch, wenn man überhaupt eine Perspektive hat. Betroffene driften auseinander und schließen sich nur dort zusammen, wo es um Realisierung der eigenen Interessen geht. Jugend protestiert gegen die Alten, weil sie ihnen Jobs wegnehmen und Zukunft verhageln. Weil sie Pensionen erhalten, die in Zukunft nicht mehr zu bezahlen sein werden.

Der Staatssekretär für Migrationsfragen und Jungpolitiker fordert, dass in Hinkunft jedes Gesetz auf seine „Jugendspezifizität“ untersucht werden muss. Im Klartext: Gesetze dürfen nicht zulasten der Jungen erlassen werden. Und diese dürfen schon gar nicht vorbeugend zur Kasse gebeten werden. So stellt sich Götz Werner reine Beteiligung wahrscheinlich nicht vor. Faktum est, dass in Zeiten von Social-Media-Egoismus und Egozentrik Autismus und Selbstbezogenheit so dominant sind wie noch nie in einer Gesellschaft. Es gibt vornehmlich Interessengruppen, die das Interesse verlieren, sobald Ziele erreicht sind. Wie es anderen dabei geht, ist gleichgültig. Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen ist etwas für Ewiggestrige.Der gewaltige Informationsmarkt heizt dies noch an. Stars werden über Nacht gemacht und verurteilt, cäsarenhaft der Daumen gehoben oder nach unten gesenkt, die Ware Information ist lediglich emotionale Stimulans. Der Boulevard ist Büttel.

Europa ist dabei, sich selbst zu verlieren. Ringsum finden Aufstände statt, versuchen Menschen, Demokratie zu leben und zu entwickeln, macht sich Widerstand breit. Wir reden von Krise, als ob wir von einer lästigen Störung sprächen. Die Krise, das sind die anderen. Die dumme Politik, die bösen Banken, die unfähigen, faulen Nationen, die privilegierten Alten. Solange es Sündenböcke gibt und der nächste Event lockt, ist alles andere irrelevant. Schlagzeilen von gestern. Die Hölle, die ist draußen, und dort belassen wir sie auch. Beteiligen? Woran? Wozu? Teilhaben? An sich selbst. Und basta. Apropos: Nächste Woche beginnen die Österreichischen Medientage. Sie tragenden Titel „Mut“. Soll heißen: Mut zum Engagement und zur Veränderung.

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