Jenseits des HORIZONT
 

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Nobelpreisträger, Analphabeten, Autokraten

Am 8. September war der UNESCO Welttag der Alphabetisierung. Am selben Tag kündigte Bild-Chefredakteur Kai Diekmann nicht nur an, dass die Inkarnation des geschriebenen deutschen Selbstbewusstseins das beste Geschäftsjahr ihrer eschichte anstrebe, sondern dass die Bild Zeitung eine Edition der Literaturnobelpreisträger der vergangenen 20 Jahre auflegen werde: in Millionenhöhe. Und das am Tag der Alphabetisierung. Ein löbliches Unterfangen: Millionen Auflagen sind garantiert, Millionen von Literaturnobelpreisträger-Buchrücken werden die Bücherregale deutscher Haushalte füllen (hierzulande hätte Österreich eine derartige Edition wahrscheinlich so genannt: „Exklusiv. Das Vermächtnis der Weltliteraten. Die ultimative Österreich-Edition der Top-Top-Elite der Welt. Mit Gutschein um nur sieben Euro pro Band. Und dem exklusiven Österreich-Bildband: So lebten und liebten die Literaten“).

Ist der Boulevard zum Volksbildner geworden? Will Bild die Deutschen alphabetisieren und kultivieren? Für das beste Geschäftsjahr der Geschichte sicherlich. Bild verdankt seinen Gewinn schließlich nicht dem Zeitungsverkauf (die Auflage sinkt seit Jahren kontinuierlich), sondern den Nebengeschäften. Bild ist zu einer gewaltigen Verkaufsplattform geworden. Und schickt sich an, auch als erstes Medium im Online-Bereich schwarze Zahlen zu schreiben. Die iPhone- und iPad-Abos sind beachtlich, die Zuwachsraten verblüffend, und auch die Mobile-TV-Abos scheinen alle Erwartungen zu übertreffen. Schließlich bietet Bild die Live-Streams der türkischen Fußballliga an.

Kann Boulevard also – guten Willen vorausgesetzt – zur Alphabetisierung beitragen? Das Problem ist gravierend und wird kaum kommuniziert. Alleine in Deutschland sind – konservativ berechnet – etwa elf Millionen Menschen funktionale Analphabeten: Menschen, die weder lesen noch buchstabieren können und sich dennoch irgendwie durchs Leben schlagen. Menschen, die irgendwann einmal in der Schule schreiben, lesen und rechnen gelernt haben.Tendenz: steigend.

In Österreich – es gibt keine verlässlichen Daten– dürften es 800.000 bis 900.000 sein. Ein Großteil der Erwachsenen geniert sich dafür und versucht, das Nicht-lesen-Können zu verbergen (und das sind keinesfalls nur Migranten oder Menschen mit migrantischem Hintergrund). Auffällig ist, dass etwa in den sogenannten Schwellenländern die Alphabetisierungsrate deutlich steigt: In Tunesien, Ägypten, Marokko, in den Revolutionsstaaten in Nordafrika beträgt sie bereits über 80 Prozent. Bildung ist zu einem Wert geworden. Und der relativ hohe Bildungsgrad, verbunden mit dem Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln, war sicher der Dynamo für den Aufstand gegen Diktatoren und Autokraten.

Im entwickelten Europa scheint die gegenläufige Entwicklung stattzufinden: Analphabetismus und Konsumismus statt Sprachbeherrschung und Engagement. Offensichtlich bemerkt das auch der Boulevard und setzt zumindest auf Kulturkonsumismus. Immerhin: ein Zeichen. Auch wenn die Aussicht auf zusätzliche Euro-Millionen dahintersteckt. Bild weiß, wie man Signale setzt. Außerdem kommt der Papst nach Deutschland. Man weiß: Wir sind Papa.

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