Jenseits des HORIZONT
 

Jenseits des HORIZONT

Die Reflexpolitik statt Politik der Reflexion?

In Österreich diskutiert man, ob Schüler eine Klasse wiederholen sollen oder nicht, wenn die Leistungen nicht genügen. Deutschland erregt sich über die Plagiatsdissertation des bisherigen Shootingstars der Politik, zu Guttenberg. In Österreich ruft die Krone auf, die Einberufung zum Wehrdienst zu boykottieren und zählt Tipps und Tricks auf.

Sukzessive wird deutlich, wie viele Millionen Euro an fragwürdigen Unterstützungszahlungen für fragwürdige Konzepte an habgierige Menschen geflossen sind, Verdachtsmomente über Ex-Minister werden massiver, Bezugsspekulationen von Insidern ruchbar. Zur gleichen Zeit gehen in Ägypten, Tunesien, Libyen und in anderen Maghreb-Staaten Millionen von jungen Menschen auf die Straße, um für Demokratie, Gerechtigkeit und Chancen auf berufliche Perspektiven zu kämpfen und autokratische Regime zu stürzen, die über Jahrzehnte mit dem Agreement der Stabilisierung mit Milliarden von Euro gestützt wurden, die auf irgendwelchen anonymen Bankkonten gelandet sind. Die USA verzeichnen eines der größten Defizite in ihrer Geschichte und wollen weiterhin die Notenpresse aktivieren, um Konsum anzuheizen und den Dollar zu schwächen.

Aber die Menschen spielen nicht mehr mit: Sie verweigern sich dem grenzenlosen Konsum. Vieles gerät aus den Fugen: In Österreich debattiert man über Nebensächlichkeiten, verstrickt sich täglich in Kleinscharmützel, ruft dann wieder zur Gemeinsamkeit des Nichthandelns auf und pflegt dynamischen Stillstand. Inzwischen steigen Bildungsdefizite, breitet sich funktionaler Analphabetismus weiter aus, redigieren engagierte Lehrer und Bildungspolitiker, bestimmt der Boulevard die politische Tagesordnung, als habe er die Regierungsgewalt übernommen, verliert Österreich an internationaler Glaubwürdigkeit und Wettbewerbsfähigkeit.

Fröhliche Endzeitstimmung und Realitätsverweigerung angesichts nicht zu lösender Probleme? Oder schlichtweg Mangel an Fantasie, politischem Willen und zivilen Engagement? Seltsam ruhig verharrt die Opposition. Sammelt täglich mehr Protestwähler, die weder Überzeugung mehr in sich tragen können noch beim gesellschaftlichen Geschehen besonders engagiert sind. Ein über Jahre mühsam aufgebautes demokratisches System scheint zu verkommen und zu erodieren. Woanders fegen die Stürme. Sie sind nicht mehr weit weg. Es ist Zeit aufzuwachen. „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“ Ingeborg Bachmann, die dies schrieb, scheint vergessen. Sie war ja nur eine Poetin.

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