Jenseits des HORIZONT
 

Jenseits des HORIZONT

Digitaler Flächenbrand – digitale Demokratie?

Nordafrika brennt. Die friedliche Revolte der Jugend in Tunesien, die ein Regime zu Fall gebracht hat, das von den westlichen Demokratien über Jahrzehnte gegen den angeblichen Islamismus gestützt wurde. Das Urlaubsparadies, in dem man die Augen vor der Realität verschloss – in den azurblauen Badereservaten für europäische Touristen.

Und nun Ägypten mit einem alten Diktator, der verzweifelt gegen sein Ende ankämpft und neben Gewalteinsätzen auch den Stecker rausziehen wollte. Noch nie wurde bislang mit einem Handstreich die Kommunikation ausgeschaltet: kein Mobiltelefon, kein Internet, kein Twittern, kein Facebooken. In der Tat waren es die interaktiven freien Medien, die in den nordafrikanischen Ländern den Aufruhr mit entfachten, zum Aufstand der Massen werden ließen, zur Solidarität der Jungen führten.

In diesen Ländern sind 35 Prozent der Menschen zwischen 15 und 30 Jahren, die meisten ohne Hoffnung und Perspektiven. Viele sind mit modernen Kommunikationstechnologien vertraut. Cybercommunication verbindet. Die Revolte hat eine neue wirksame, friedliche Waffe gefunden, gegen die old-fashioned Knüppelgewalt scheitern muss. Das ist spannend und birgt Hoffnungen. Die Aufstände könnten zu einer neuen Form von Demokratie führen. Millionen von jungen Menschen erfahren, wie sie sich wehren können und erfolgreich gegen bislang scheinbar unangreifbare Diktatoren ankämpfen können. Und das sind nicht lauter Islamisten.

Die westliche Welt, bislang Unterstützer der Diktatoren der „Stabilität“ willen, ist ratlos. Soll man die Regimes weiter stärken, soll man die Aufständischen unterstützen? Derweilen reagiert man mit Floskeln und mit Urlaubswarnungen. Die Reiseveranstalter schreien auf. Nicht aus demokratiepolitischen Gründen. Sie sehen ausschließlich die Destination in Gefahr: Wohin in Zukunft mit den Massen von Freizeitkolonisatoren und Leisure-Konquistadoren in geschützten Animations-Resorts? Die Schizophrenie einer Mobilitätsgesellschaft wird deutlich: Was gehen einen die Anliegen der Armen und Entrechteten in Tunesien, Algerien, Marokko und Ägypten an, wenn man Sonne, Wasser und Palmen genießen will? Und was wollen die Aufständischen? Freiheit und Gerechtigkeit!

Kommunikation ist unteilbar. Das Netz ist anarchisch und nicht beherrschbar. Es entfesselt im eigentlichen Sinne des Wortes. Das ist gut so und nicht mehr reversibel zu machen. Auch wenn man den Stecker rausziehen möchte. Vielleicht hat Bergson recht – Freiheit ist grenzenlos.

jenseits@horizont.at
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