Ist Politik erblich?
 

Ist Politik erblich?

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Jenseits des HORIZONT

Österreichs Politiker sind sich mit den meisten Pädagogen und Soziologen ­einig: Bildung wird vererbt. Junge Menschen aus vermögenden, gebildeten ­Familien und Milieus haben viel bessere Bildungs-, Berufs- und Aufstiegs­chancen als Menschen aus sogenannten bildungsfernen Schichten. Unser Schul- und Bildungssystem ist zu wenig durchlässig, gerecht und differenziert.

So weit – so gut. Das weiß man seit Jahrzehnten. Geändert wurde nichts oder wenig. Nach wie vor rekrutieren sich die meisten neuen Eliten aus dem Lager der alten, stammen Universitätsabsolventen zum Großteil aus Akademikerfamilien. Sozialdemokraten – die noch die Bildungsexplosion unter Bruno Kreisky vor Augen haben – kritisieren das ebenso wie christlich-soziale Konservative. Dennoch kann man sich auf keine umfassende Schulreform einigen: ob sie nun Gesamtschule, Ganztagsschule mit Leistungsdifferenzierung, gemeinsame Schule der Sechs- bis 14-Jährigen genannt wird. Man kann sich auf kein wirklich qualitativ hochstehendes Lehrausbildungsmodell einigen. Es herrschen Diadochenkämpfe.

Unbewusst ahnen die meisten Politiker, warum. Denn augenscheinlich ist: Was für die Bildungselite gilt, gilt auch für die politische Klasse. Vielleicht ist sie deshalb wenig angesehen und das Interesse der Menschen an Politik so stark gesunken. Gefühlte 80 Prozent der Parlamentarier – im Wiener Rathaus oder anderen Landtagen – kommen aus politisierten Familien, aus Politikerfamilien, konkret gesagt, in wenigen Landtagen Europas gibt es derart viele Verwandtschaften, Lebenspartnerschaften und ähnliche Beziehungskisten wie zwischen sozialdemokratischen Gemeinderäten in Wien. Ob sie Schneider heißen oder Ludwig, Gudenus, Wehsely, Figl oder Pröll, Häupl junior, Van der Staa, Steger und wie auch immer. Sie alle kommen aus Familien und Verwandtschaften, die schon einmal Stadträte, Gemeinderäte, Kammerfunktionäre oder gar Minister stellten. Die wenigen Quereinsteiger, politisch immer wieder hervorgezerrt, um kurzfristig Meinungsumfragen zu gewinnen, bleiben meist nicht lange in der Politik. Ihnen fehlt klar der „Politik-Gout“. Die Letzten, die gewissermaßen engagiert noch als Newcomer in den Parteigremien aufrühren konnten, waren die jungen Aufmüp­figen, in den 70er-Jahren politisiert, die nun aber selbst Establishment und ­Erfolgsregeln internalisiert haben.

Politiker, vor allem in kader- oder ständisch organisierten Parteien, neigen dazu, sich abzuschotten. Man bleibt lieber unter sich. Da unterscheidet man sich – abgesehen vom kulturellen und geistigen Horizont – wenig von der Fontainebleau-Elite der Franzosen oder den Bocconisten in Mailand. Vielleicht sollten Politiker, die permanent die ­Undurchlässigkeit der Schulen und der Bildungssysteme kritisieren, in den ­eigenen verkrusteten Strukturen nachsehen. Und ihre Erbschaftsregeln, die an Feudalismus erinnern, brechen. Irgendwann geht bei der Perpetuierung der Erbfolge die kreative Luft aus. Aber so ist Österreichs Politik. So ist ein Großteil der handelnden Personen. Im Übrigen gilt das nicht für die – zumindest im Freud’schen Sinne – vatermordenden österreichischen Jungverleger. Ein Unterschied zur Politikerkaste besteht. Sie wollen keine Privilegien, sondern den Betrieb der Väter in neue Dimensionen heben. Gut so. Revolte in der Familie schafft Blick auf Neues.

[Jenseits des HORIZONT]
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