Internet minus Obama = Ratlosigkeit?
 

Internet minus Obama = Ratlosigkeit?

Heinz Fischer verkündet seine erwartbare Wiederkandidatur via YouTube-Video.

Heinz Fischer verkündet seine erwartbare Wiederkandidatur via YouTube-Video. So weit, so unspektakulär und international mehrfach gesehen. Die hiesig etablierte Medienszene ist begeistert. Vom „digitalen Präsidenten“ ist gar die Rede. Und natürlich darf auch der Obama-Vergleich nicht fehlen.

Politik und die daraus resultierende Berichterstattung und Kommentierung funktionieren eben immer dann am besten, wenn bekannte Muster bedient werden. Davon profitierte zuletzt auch die ÖVP, konkret Josef Pröll, als er in seiner „Rede des Finanzministers“, die auch im Internet live übertragen wurde, bewusst auf eine Nicht-Inszenierung setzte: Josef Pröll kam, sprach und ging. Pröll pur sozusagen. „Inhalt und Inszenierung erinnern an ­Barack Obama“, las man begeisterte Kommentare am Tag danach.

Was nun aber tun, wenn der vielfach bemühte Obama-Vergleich einfach nicht funktioniert? Wenn politische Kommunikation einfach in keine der bekannten Schubladen passt? Oder noch schlimmer: Wenn sich politische Kommunikation ausgerechnet nicht an jene richtet, die sie tagtäglich selbst betreiben, kommentieren oder analysieren? Wenn sie eine Zielgruppe bedient, die weder an den Schalthebeln noch an den (Redaktions-)Tastaturen dieses Landes sitzt? Ratlosigkeit im Establishment.

Für eine ebensolche sorgt derzeit mancherorts die ÖVP-Kampagne „Bist du Österreichs Superpraktikant?“. Inspiriert von erfolgreichen Behind-the-Scenes- und Casting-TV-Formaten, getragen von den Möglichkeiten der Social Networks, umgesetzt in einem für die Politik ungewöhnlichen und noch nicht dagewesenen Stil. Das Angebot: Ein Blick hinter die Kulissen, einmal live dabei sein, Politik hautnah erleben – eine Woche lang an der Seite von Josef Pröll.

Reflexartige Verurteilung von politischen Mitbewerbern und erkennbare Unbeholfenheit so manch etablierter Kommentatoren mischten sich mit aufrichtiger Anerkennung und spürbarer Begeisterung. Ein Ausmaß der Polarisierung, das nicht nur dafür sorgt, dass diese Kampagne weit über die Zielgruppe hinaus in aller Munde ist, sondern vor allem auch dem Anspruch einer jungen Kampagne für eine der wohl inhomogensten demografischen Zielgruppen gerecht wird. Denn eines gilt heute wie vor Jahrzehnten: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Und er schmeckt. 450.000 Besucher (Unique-User, Anm.) verzeichnete www.superpraktikant.at seit dem Start. Rekord für eine politische Kampa­gnenseite. Knapp 350 haben sich aktiv beworben. Ja, auch ein Prozent provokante Bewerber/innen, die seit Wochen vergeblich auf eine Panik-Reaktion der ÖVP warten und bereits darüber nachdenken, wem genau sie mit ihrer Bewerbung einen Bärendienst erwiesen haben. So machen alle ihre Erfahrungen mit unkonventionellen Formen der politischen Kommunikation. Nicht nur die ÖVP.


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