In der Zwicke … (3)
 

In der Zwicke … (3)

Kolumne von Walter Braun

Die derzeitige Lage ist außerordentlich verschachtelt. Auf der einen Seite das einmalige Phänomen Überalterung. Laut den demografischen Erhebungen der UN leben auf diesem Erdenrund circa 600 Millionen Menschen, die über 65 Jahre alt sind. In nur 25 Jahren wird sich ihre Zahl glattweg verdoppeln.

Zurzeit stehen 100 Menschen im berufsfähigen Alter (zwischen 25 und 64) 16 Pensionisten (über 65 Jahre) gegenüber. 2035 werden es deren 26 sein. Aber das ist ein globaler Durchschnitt. In Japan werden 69 (!) Pensionisten auf 100 Berufstätige fallen. Deutschland mit 66 Empfängern pro 100 Einzahlern wird auch nicht besser dastehen. In den USA sollten 44 Pensionisten auf 100 Werktätige kommen. Selbst in China wird sich die Zahl der altersbedingt Abhängigen von 15 auf 36 mehr als verdoppeln. Der Ergrauungswelle entkommen bloß Afrika und Südasien.

Auf der anderen Seite ist eine ungeheure Flut an potenzieller Automation im Anrollen, die zum Verlust von Hunderten Millionen von Arbeitsplätzen führen könnte. Bisher brachten indus­trielle Fortschritte nach einer gewissen Anpassungsphase immer genügend neue Jobs mit sich. Diesmal könnte es aber anders sein, befürchtet Andrew McAfee, Forscher am Center for Digital Business des MIT. In einem Interview mit dem Magazin New Scientist sagte der Mittvierziger, er erwarte noch im Laufe seines Lebens eine „Labour light“-Wirtschaft. Intelligente Software und entsprechende Maschinen werden nicht nur Handarbeiten übernehmen, sondern auch komplexe Tätigkeiten wie juristische oder finanzielle Beratung, die Arbeit von Pathologen, Kaffee­brauen, Hamburgeranbraten et cetera.

Eine neue, App-basierende Wirtschaft mit selbst fahrenden Taxis und dezentralisierter Produktion (3D-Printing) wird entweder politisch unterdrückt, oder sie bringt Arbeitslosigkeit und schrumpfende Zukunftsaussichten für die nächste Generation mit sich. Einzig vernünftige Gegenreaktion wäre eine Welle von Unternehmensgründungen. Stattdessen mittels Steuer­geschenken hinter Filialniederlassungen von Konzernen hinterherzujagen, erscheint verfehlt.
An sich besitzen alle vernetzten ­Bereiche der Wirtschaft Modernisierungspotenzial. Das nützen bestens ­kapitalisierte US-Unternehmen systematisch aus. Wir sollten dieser Überrumpelung etwas Eigenständiges ­entgegensetzen, anstatt zuzusehen, wie amerikanische Riesen neue Markt­segmente dominieren. Der neue Taxidienst Uber operiert weltweit in 100 Städten, unterstützt durch 300 Milli­onen Dollar Wagniskapital, während der Pariser Konkurrent LeCab bloß elf ­Millionen Euro aufzustellen ­vermochte. In der digitalen Wirtschaft gibt es einen Alles-oder-nichts-Effekt. Weshalb die dominierende Zimmervermittlungsagentur Airbnb zurzeit mit zehn Milliarden Dollar bewertet ist.

Fällt Europa im globalen Wettbewerb zurück, sind wir einer weiteren Arbeitsplatzvernichtung ausgesetzt. Das könnte massive Folgen haben. (Fortsetzung folgt.)


[Walter Braun]
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