Im Interesse der ganzen Branche
 

Im Interesse der ganzen Branche

Editorial von Sebastian Loudon

Nein, es ist tatsächlich keine glückliche Fügung, dass der Pitch der Österreich Werbung auf dem „grünen Tisch“ entschieden wird und damit öffentliche Auftraggeber hinkünftig noch mehr mit juristischen Glacéhandschuhen nach Agenturen suchen werden, da hat Max Palla ganz recht (siehe Seite 1 und 2). Genauso recht hat allerdings Martin Weinand, der meint, es sei das mindeste, nach sechs Monaten leerer Kilometer auf Augenhöhe erklärt zu bekommen, warum es nicht doch geklappt hat, statt eine Tabelle mit Punkten übermittelt zu bekommen. Und dass so jemand jedes Recht habe, entsprechend gegen die Entscheidung vorzugehen. Wie auch immer, Mariusz Jan Demner hat genau das getan – zum ersten Mal in der mehr als 30-jährigen Agenturgeschichte, wie er betont. Was wiederum dafür spricht, dass er es wirklich ernst meint, wenn er sagt, er täte dies im Interesse der gesamten Branche, und jene unrecht haben, die meinen, er Demner, sei schlicht ein schlechter Verlierer.

Auf Seiten der Österreich Werbung bemüht man sich um Gelassenheit im Vorfeld des Prüfverfahrens durch das Bundesvergabeamt, aber es lässt sich vermuten, dass der Frust groß ist. Bereits vor dem Beginn des eigentlichen Verfahrens namens „wettbewerblicher Dialog“ stand die ÖW am Pranger. Der Grund waren damals die nach Einschätzungen von Agenturchefs überzogenen „Eignungskriterien“ um überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Seit diesen Diskussionen und der entsprechenden Berichterstattung bemühte man sich bei der ÖW ganz besonders um ein sauberes und vor allem wertschätzendes Verfahren. Und bis zuletzt war man der Meinung, die teilnehmenden Agenturen würden – auch im Fall einer Niederlage – den Prozess als transparent und korrekt empfinden. Doch dann kam Demner. Angesichts der Begründung der Entscheidung muss er eine ziemliche Wut bekommen haben, auch wenn er heute sagt, er sei bei der ganzen Sache ohne jegliche Gefühlsregung dabei. Und selbst wenn die Österreich Werbung in ihrer Stellungnahme betont, eine solche Beschwerde sei „nicht unüblich“ bei Ausschreibungen „mit hohem Bekanntheits- und Referenzpotenzial“ – so hat man sich den Ausgang dieses Verfahrens ganz bestimmt nicht vorgestellt. Nur zu gerne hätte man den Beweis angetreten, dass es sehr wohl möglich ist, den Spagat zwischen den strengen und für Kommunikationsdienstleistungen unpassenden Anforderungen des Vergaberechts und einer qualitativ fundierten Ausschreibung zu schaffen.

Das Verfahren dauerte lange, und es wurde allen Beteiligten auf beiden Seiten sehr viel abverlangt. Rückblickend werden sich ÖW-Chefin Petra Stolba und ihr Marketingleiter Michael Scheuch vermutlich denken: Ach, hätten wir die Agenturen doch nur zu einem Old-School-Pitch gebeten, uns bei frischen Brötchen und Apfelsaft zurückgelehnt und von fetzigen Kreativdirektoren lauter tolle bunte Bilder in verführerischem Werbesprech präsentieren lassen. Wie sie wirklich denken, darüber geben sich die ÖW-Verantwortlichen angesichts des offenen Verfahrens bedeckt. Das ist durchaus verständlich, aber es bleibt zu hoffen, dass sie nach dessen Abschluss umso offener über ihre Erfahrungen mit diesem Verfahren reden.

Es sollen nämlich nicht immer nur die Agentur jammern, es sollen sich auch die Auftraggeber zu Wort melden. Besonders jene, die wenigstens versucht haben, neue Wege in der Partnersuche Auftraggeber–Agentur zu gehen, auch – nein, gerade! – wenn sie womöglich darin gescheitert sind. Sei es an tatsächlichen oder scheinbaren, gar von Anwälten konstruierten, rechtlichen Zwangslagen, sei es, weil – übermannt von der Komplexität des eigenen Verfahrens – auf den letzten Metern inkonsistent oder unvollständig kommuniziert oder argumentiert wurde. Auch einmal die andere Seite zu hören, dass wäre tatsächlich im Sinne der ganzen Branche.
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