Hinter den Schlagzeilen: Energie und Politik
 

Hinter den Schlagzeilen: Energie und Politik

Kommentar von Walter Braun

In den Banktürmen entlang der Wall Street sitzen gut bezahlte Analysten, deren Aufgabe es ist, unerwartete Weltereignisse einzuschätzen. Während die Schlagzeilen voll sind von den menschlichen Tragödien in Japan und Libyen, versuchen sie, kühl zu kalkulieren, was die ökonomischen Auswirkungen sein könnten. Dass ein Riesenerdbeben + zerstörerischer Tsunami + versagende Kernreaktoren die Märkte nicht in Panik versetzen, hat einen guten Grund: Japan ist, ökonomisch gesehen, nur noch ein Schatten von einst. Die Tagespresse vermeldete aufgeregt, dass China zur Nummer 2 in der Weltwirtschaft aufgestiegen ist. Viel aussagekräftiger ist aber der Umstand, dass Japans Anteil an der Weltwirtschaftsproduktion in den 1990er-Jahren 18 Prozent betrug, jetzt aber auf bloß neun Prozent gefallen ist. Das hat nicht nur mit dem relativen Aufstieg der neuen Ökonomien zu tun, sondern geht auch auf die Überalterung Japans zurück und den Umstand, dass die Bevölkerung seit 2005 schrumpft.

Mit dem Unfall in Japan ist natürlich die Renaissance der Atomkraft hinfällig geworden. Aber die Katastrophe hat nur sichtbar gemacht, was sich schon länger abgezeichnet hat. Seit in den USA entdeckt wurde, wie man die gewaltigen Gasvorräte im Schiefergestein auf ökonomische Weise abbauen kann, war klar, dass unsubventionierte Atommeiler verhältnismäßig teuer sind (Sicherheitsfragen einmal ignorierend).

In puncto Energieversorgung ist allerdings wichtiger, was in der arabischen Welt passiert. Wiederum verzerren die Schlagzeilen das Bild: Die Revolution in Nordafrika erregt politisches Aufsehen, ist aber für die Weltwirtschaft relativ belanglos. Auf der arabischen Halbinsel sehen die Dinge allerdings anders aus – hier sitzt eine Reihe von Königshäusern auf gewichtigen Erdölvorkommen. Das kleine Bahrain am arabischen Golf ist in Wirklichkeit der Brennpunkt, da dort die Bruchlinie der arabischen Welt sichtbar wird. Würden sich die Aufständischen durchsetzen, wäre auch das benachbarte saudische Königtum mit seinen 7.000 schmarotzenden Prinzen gefährdet. Die Führungsschicht sind streng gläubige Sunniten, die Bevölkerung aber zum überwiegenden Teil schiitisch. So gerecht eine Revolution erscheinen mag – sie würde mitnichten zu demokratischen Verhältnissen führen, da die Schiiten eine theokratische Diktatur wie im Iran wollen. Und der Iran selbst ist höchst begierig, zu einer Großmacht aufzusteigen. Was Israel bedrohen würde. Daher versuchen die USA, den Bau einer iranischen Atombombe zu unterbinden, wozu sie aber nur in der Lage sind, solange ihre 5. Flotte in Bahrain stationiert ist. Die Schiffe patrollieren den Persischen Golf und die Straße von Hormus, wo 40 Prozent der Welterdöllieferungen verschippert werden. Triumphieren die religiösen Fundamentalisten, müssten die Amerikaner abziehen. Und der Erdölpreis käme unter die Kontrolle des dem Westen so feindlich gesinnten Iran. Deshalb gelten in den Hinterzimmern der Macht die despotischen Königshäuser als das geringe Übel … 

stats