Heute wird kurz hinterfragt
 

Heute wird kurz hinterfragt

Editorial von Sebastian Loudon

Eva Dichand jubelt. Und sie tut dies zweifellos zu Recht. Nach nicht einmal sieben Jahren am Markt kann sie Heute mit Fug und Recht als die zweitgrößte Tageszeitung Österreichs – ex aequo mit der Kleinen auf zwölf Prozent nationaler Reichweite – titulieren. Und in Wien ist „ihre“ Zeitung sowieso die Nummer eins, aber dazu später. Warum die Anführungszeichen bei „ihre“?

Nach wie vor sind die Eigentümerverhältnisse ebenso wie die Finanzierung von Heute im Unklaren. Das macht die Zeitung noch mehr zu einem atypischen Marktteilnehmer, als sie es ohnehin schon ist. Heute genießt aufgrund der Verträge mit den Wiener Linien eine privilegierte Vertriebsstruktur und bietet deutlich mehr als vergleichbare Gratiszeitungen im Ausland. Von der Gestion und vom inhaltlichen Angebot unterscheidet sich das Blatt kaum von einer Kaufzeitung. Das alles würde allerdings herzlich wenig helfen, hätte das eigentliche Produkt nicht ausreichend Ausstrahlung auf ein junges, urbanes Publikum. Ihre Funktion als kurzweiliges Informations- und Unterhaltungsmedium erfüllt die Zeitung perfekt, dazu kann man angesichts der aktuellen MA-Daten ruhig auch einmal gratulieren. Was aber bewirkt der Erfolg von Heute auf dem Markt? Zum einen ist es bemerkenswert, dass „der Markt“ überhaupt einen dermaßen atypischen Teilnehmer zulässt. Wie hätte dieser „Markt“ Heute denn überhaupt verhindern können, fragen Sie zu Recht. Gegenfrage: Glaubt irgendwer, Heute würde es in dieser Form und Größe geben, wenn dieses Projekt nicht im strategischen Windschatten des Hälfteeigentümers der mit Abstand größten Tageszeitung wachsen und gedeihen hätte können?

Zum zweiten erstaunt es, wie plötzlich ein neues – scheinbar entscheidendes – Marktsegment entsteht oder herbeigeschrieben wird. Die Frage, ob Heute die Kronen Zeitung in Wien überholen wird, beschäftigte die Fachwelt – oder zumindest manche Branchendienste – im Vorfeld der Veröffentlichung der MA-Daten über die Maßen. Natürlich ist es irgendwie aufregend, wenn die Kronen Zeitung in der Bundeshauptstadt nicht die größte Tageszeitung ist, erst recht, wenn man bedenkt, dass die Reichweite der Krone in Wien bei der MA 2008 noch praktisch gleichauf mit ihrer nationalen Reichweite lag, bei 41,2 Prozent. Aktuell sind es 35,6 Prozent. Aber juckt sie das wirklich? Wohl eher nicht. Für die Kronen Zeitung beziehungsweise ihren kommerziellen Erfolg am Werbemarkt sind zwei Segmente wirklich wichtig: die Stammausgabe mit Wien, Niederösterreich und dem Burgenland und die Gesamtausgabe mit 38,9 Prozent Reichweite. Kein Zweifel: Die Kronen Zeitung hat Handlungsbedarf und sieht ihn auch. Nicht umsonst wird Herausgeber und Chefredakteur Christoph Dichand jenen Mann, der maßgeblich für den Heute-Erfolg auf Leserseite verantwortlich ist, nämlich Richard Schmitt, als Berater an Bord geholt haben, wie der Standard herausfand.

Dennoch: Die Krone hat ein ähnlich gelagertes Dilemma wie beispielsweise Ö3. Zunehmend fragmentierte Mediennutzung, zunehmender Mitbewerb und der selbst gesteckte Anspruch eines Massenmediums für ganz Österreich. Das macht es schwer, auf einzelne Marktteilnehmer zu reagieren, und fast unmöglich, auf so hohem Niveau leidend zu jammern. Wie sagte mein Großvater stets: Deren Sorgen und das Geld vom Rothschild möcht’ ich haben.
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