Hello, Twitter!
 

Hello, Twitter!

Editorial von Sebastian Loudon

War es absehbar, dass ein subjektiver Leitartikel über den Facebook-Suicide mehr Leserfeedback bringt als die letzten zehn Editorials zusammen? Vielleicht. Überrascht war ich dennoch. „Womöglich setzen Sie damit einen Trend“, schrieb mir ein wohlmeinender Leser. Nun, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, und „Bye Bye Facebook“ (HORIZONT 41/2011) soll auch keineswegs als Handlungsanleitung verstanden werden, sondern als das, was es war: ein höchstpersönlicher Befreiungsschlag vor Publikum. Und eben dieses reagierte heftig, aber unterschiedlich. Zweifel wurden laut, ob denn jemand, den Facebook, Twitter & Co. daran hindern, in die Tiefe zu denken, bei Verzicht auf diese Plattformen plötzlich dazu in der Lage sei. Dazu kann ich naturgemäß nicht viel sagen, außer, dass mir die Erfahrung der ersten Woche Hoffnung macht. Das Gut Aufmerksamkeit ist begrenzt und gleichzeitig mehr denn je im Visier des gesellschaftlichen und medialen Umfelds. Haushalten und Prioritäten setzen, heißt die Devise, bewusst entscheiden, wem man wofür seine Aufmerksamkeit widmet.

So unerwartet leicht es mir fiel, Facebook von dieser Prioritätenliste zu streichen – heute sage ich laut und deutlich: Auf Twitter könnte ich nicht verzichten! Schon alleine, weil sich hier Unterhaltsames und beruflich Relevantes zu einer herrlich vergnüglichen und vor allem bereichernden Melange vermengen. Ein kurzer Einblick in mein Twitterleben an einem Dienstagnachmittag: Falter-Aufdecker Florian Klenk und Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter diskutieren darüber, wie medial mit dem „Thema Wilheminenberg“ umzugehen sei. Klenk kritisiert den Kurier dafür, dass dieser die „Recherche unterlässt“ und die ungeheuerlichen Vorwürfe als Fakten veröffentlicht. Brandstätter kontert, und Klenk spielt wieder zurück – Journalisten-Pingpong.

Zeitgleich wird die Österreich-Innenpolitik-Redakteurin coram publico vom Blogger und Initiator des Mediawatchblogs Kobuk (www.kobuk.at) solcherart herausgefordert: „Wie viele Gesetze schafft Österreich eigentlich, in nur einem Artikel zu brechen?“ Der Hintergrund: Österreich berichtet über die drakonischen Strafen für jenen Hacker, der die Nackerbatzi-Fotos von Scarlett Johansson veröffentlichte – illustriert passenderweise mit eben diesen Bildern in ihrer vollen Pracht. Daniel darauf: „Haben wir das wirklich ohne Balken gebracht?“ Und später dann: „Ja, stimmt. Hab’s mir gerade im Archiv angeschaut. Ich werde hier darauf aufmerksam machen! Danke für den Hinweis!“ Das alles gibt es nur auf Twitter (was nicht heißt, dass es etwas ändert). Und während es Facebook nie geschafft hat, den Eindruck zu widerlegen, es könnte ein Fluch sein, so weiß ich doch: Twitter ist ein Segen.
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