Habemus Transparenz
 

Habemus Transparenz

Editorial von Sebastian Loudon

Nachtschichten sind selten im Leben der Redaktion einer Fachzeitung. Die Nacht zum Samstag, dem 15. Dezember 2012, war eine Ausnahme. Es war dies für einige von uns die lange Nacht der Transparenz. Um Punkt 00:00 Uhr wurde die erste Datenwelle aus der Medientransparenzdatenbank freigeschaltet. Das war gleichzeitig der Startschuss für ein Experiment der HORIZONT-Redaktion. Gemeinsam mit den Machern des Online-Magazins „paroli“ wühlte sich Kollege Philipp Wilhelmer durch die Excel-Sheets mit Hunderttausenden Datensätzen, die darüber Aufschluss geben, wo die Tausenden meldepflichtigen Unternehmen im dritten Quartal ihr Werbegeld gelassen haben. Mithilfe eines eigens entwickelten Recherchetools wurden einzelne Sachverhalte herausgegriffen und in übersichtlichen Grafiken dargestellt. Wer das Ergebnis noch nicht gesehen hat, dem sei ein Blick auf www.horizont.at/home/transparenz oder Seite 2 dieser Ausgabe (Horizont 1-2/2013 Anm.) ans Herz gelegt.

Es ist kein Geheimnis, dass diese Zeitung dem Medientransparenzgesetz ambivalent gegenüberstand und -steht. Ja, es gab und gibt immer noch deutlichen Missbrauch, Mauscheleien und eine verdeckte Presseförderung durch Ministerien oder staatsnahe Betriebe. Und ja, der grassierenden Sittenlosigkeit an der Schnittstelle zwischen Politik und Medien musste Einhalt geboten werden. Auf der anderen Seite kann es nicht im Sinne der Kommunikationsbranche sein, dass Werbung der öffentlichen Hand insgesamt mit deutlich mehr Verwaltungsaufwand verbunden wird und dann jegliche Werbemaßnahme an den Pranger gestellt wird und – zumeist aus dem Gesamtzusammenhang gerissen – kritisiert wird. Die Ausgestaltung der Medientransparenz aber birgt die Gefahr, dass genau das passiert: eine undifferenzierte Ansammlung von völlig unzusammenhängenden Sachverhalten, aus der sich jeder genau das heraussuchen kann, was er dem – politischen oder medialen – Mitbewerber gerade vorwerfen will. Mit der für unsere Grafiken gewählten Darstellungsform wollten die Kollegen von „paroli“ und wir das Gegenteil erreichen, nämlich die Transparenz quasi erst richtig sichtbar zu machen – und das tolle Feedback, das uns erreichte, gibt uns die Bestätigung, dass das auch geglückt ist.

Wir werden die quartalsmäßigen Veröffentlichungen der Medientransparenzdatenbank also auf dieser Basis für Sie begleiten, was wir uns aber noch viel genauer anschauen werden, ist, welche tatsächlichen Auswirkungen die Transparenz auf die Werbegebarung der öffentlichen Hand haben wird. Nach wie vor teilen sich hier die Meinungen und Prophezeiungen. Eines der Hauptzielgebiete des Gesetzes, Heute-Herausgeberin Eva Dichand, übt sich in einer besonderen Ausprägung des Zweckpessimismus und sagt im Interview (Seite 10), die Werbespendings der öffentlichen Hand würden in diesem Jahr um die Hälfte reduziert. Demgegenüber steht, was man von Medien und Agenturen hört, dass sich nämlich einige Ministerien und Staatsbetriebe erstaunlich schnell an das gesetzliche Umfeld und den zusätzlichen Verwaltungsaufwand gewöhnt haben, und nach einer ersten Zurückhaltung im Herbst nun wieder werblich aufs Gaspedal steigen.

Unabhängig von der Frage, welche Auswirkungen die Veröffentlichung der Werbeausgaben tatsächlich haben wird, steht jedenfalls eines schon fest: Mit Transparenz verhält es sich gewissermaßen wie mit Technologien, sie sind per se weder gut noch schlecht, es kommt immer darauf an, wie man damit umgeht und was man damit macht. So gesehen kann die schöne neue Transparenzwelt auch einen Beitrag zu einer Versachlichung und Professionalisierung der Diskussion führen, und das wäre doch immerhin schon etwas.
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