Gutenberg als Trostspender
 

Gutenberg als Trostspender

Editorial von Sebastian Loudon

Also, das haben Medienmenschen wohl noch nie erlebt: Dieser Tage begegnen einem Freunde und Bekannte mit mitleidigen Blicken oder gar mit emphatischem Schulterstreicheln (denn wer weiß, vielleicht haut ihn das Klopfen schon um?). „Das ist ja schrecklich, was da gerade passiert“, wird einem verlegen zugeflüstert. Verständnisloser Blick. „Na, dieses ganze Zeitungssterben, von dem ich überall gelesen habe. Das ist ja furchtbar! Wie geht’s denn dir?“ Es sind solche Gespräche, denen man in diesen Adventtagen kaum entkommen kann. Sie können auf die Stimmung drücken, noch mehr als die lustvolle Krisenjammerei aus der Branche selbst, der ohnehin nicht zu entrinnen ist. Doch jetzt, wo man schon bei privaten Einladungen mit dem drohenden Exodus sämtlicher gedruckter Medien vollgejeiert wird, wird’s langsam fad.

Was kann man auf diese plötzlichen beruflichen Kondolenzen erwidern? Eine ganze Menge. Und siehe da, es hat eine nachgerade heilsame Wirkung, Menschen außerhalb der Fachwelt die gegenwärtige Lage von Werbung und Medien, Printmedien im Besonderen, auseinanderzusetzen. Durch die zwangsläufige Verkürzung und Vereinfachung werden die Dinge plötzlich ganz klar. Und was klar vor einem liegt, verliert seinen Schrecken – das wissen wir längst. Also verkürzen und vereinfachen wir, denn vielleicht hilft es auch hier: Die Welt der zwischenmenschlichen Kommunikation, und da sind Medien wie Werbung „no na nit, part of the game“, erlebt einen so fundamentalen Wandel wie noch nie zuvor. Die Vernetzung, die Kollektivierung, die Kumulierung, die Multiplizierung von Inhalten, Aussagen, Botschaften verändert die Art, wie Menschen kommunizieren, konsumieren, sich informieren. Um sich selbst und dem mitleidenden Gegenüber diese historische Tragweite begreiflich zu machen, lohnt es sich, auf den guten alten Johannes Gutenberg zurückzugreifen.

Gutenbergs bewegliche Lettern lösten eine Medienrevolution aus ­– in Europa wohlgemerkt, denn in Korea kannte man dieses Prinzip der Vervielfältigung von Inhalten bereits seit langer Zeit. In ­unseren Gefilden entfaltete sich der Buchdruck also in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Man nennt es auch die dritte Medienrevolution, nach der Sprache und der Schrift eben die gedruckte ­Vervielfältigung. So, und jetzt also das Netz. Es stellt unser aller Leben auf den Kopf. Es dringt in alle Lebensbereiche vor, macht sich unverzichtbar, oder will es zumindest. Und wir wollen es doch auch. Kaufen, bestellen, bezahlen, suchen, finden, reservieren, kennenlernen, streiten, lieben, hassen, reden, schreiben, lesen, steuern, lernen, lehren, Geld ausgeben, Geld verdienen – wir tun alles über das Netz, und wenn wir es jetzt noch nicht tun, dann wird es bald so weit sein. Und: Wir tun es 20 – in Worten zwanzig! – Jahre nach seiner Erfindung.

Um die Perspektive ein bisschen zurechtzurücken: Von Gutenbergs Medieninnovation bis zu den Höhenpunkten der Aufklärung vergingen 200 Jahre. Das Internet ist Gutenberg zur Potenz mit hundertfacher Ge schwindigkeit. Mit dieser einfachen Formel kann man der Umwelt – und sich selbst – begreiflich machen, was wir in einem größeren Zusammenhang im Begriff sind zu erleben. Dass da Tageszeitungen auf der Strecke bleiben? Dass lieb ­gewonnene Gewohnheiten aufgegeben werden müssen? Dass Arbeitsverträge für Journalisten anders gestaltet werden müssen? Dass Dienstleister sich völlig neu ausrichten müssen? Ja, all das muss sein. Der trostspendende Gedanke aber ist: Wir sind live dabei, bei der vierten Medienrevolution. Also, machen wir das Beste daraus.
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