‚Gratis‘ hat nur eingeschränkt Zukunft
 

‚Gratis‘ hat nur eingeschränkt Zukunft

Vor drei Jahren reihte sich The London Paper unter die Bewunderer und Nachahmer von Metro ein. Während Metro das Feld der Morgenpendler beackerte, etablierte sich der News-Corporation-Titel als Gratis-Abendzeitung in der englischen Hauptstadt.

Vor drei Jahren reihte sich The London Paper unter die Bewunderer und Nachahmer von Metro ein. Während Metro das Feld der Morgenpendler beackerte, etablierte sich der News-Corporation-Titel als Gratis-Abendzeitung in der englischen Hauptstadt. Selbst dieses Segment hatte er nicht für sich allein: abgesehen vom alteingesessenen Evening Standard, der durch die neue Konkurrenz finanziell ins Strudeln kam, zog der Konzern Daily Mail nach und warf mit London Lite ein weiteres Verschenkblatt in den Abendmarkt. Dieser Tage hat die News Corp. aber angekündigt, The London Paper einstellen zu wollen. Werbeschaltungen hätten eine Auflage von 500.000 Stück finanzieren sollen, doch dem Erlös von 12,9 Millionen Pfund standen Aufwendungen von 14,1 Millionen Pfund gegenüber.


Der für das Europageschäft zuständige James Murdoch meint, dass das Blatt trotz eines innovativen Designs und eines neuen Ansatzes keine langfristigen Chancen hätte. Sir Martin Sorrell gibt der Werberezession die Schuld: „Vermutlich sind unter diesen Voraussetzungen eine Reihe von Geschäftsmodellen nicht tragbar.“ In Großbritannien hält der Einbruch des Werbegeschäfts weiterhin an – die Tageszeitungen haben heuer ein Werbeminus von zehn bis 20 Prozent zu beklagen.


Die Idee, Produkte zu verschenken, um sich von der Werbung aushalten zu lassen, wurde im kalifornischen Dot-com-Fieber Ende der 90er-Jahre komplett überzogen. Obwohl im darauf folgenden Crash diese Geschäftsversuche reihenweise zugrunde gingen, ist die Idee nicht gestorben. Vor eineinhalb Jahren war mir zu Ohren gekommen, dass Chris Anderson, der Chefredakteur von Wired und Autor des Bestsellers „The Long Tail“, ein Buch unter dem Arbeitstitel „Free“ plante, in dem er das Gratis-Modell aus dem Digitalbereich auch auf die Welt der handfesten Produkte übertragen wollte. Ich kontaktierte ihn und konfrontierte ihn mit der Mutmaßung, dass T-Shirts aus China künstlich billig gehalten werden, da das Land seine Währung manipuliert, und dass Niedriglöhne und umweltverschmutzende Produktion auf Dauer untragbar wären. Anderson erwiderte, dass ihn diese „philosophischen“ Betrachtungen nicht interessieren und er nur die Sicht des Konsumenten vertrete. Tatsache ist aber, dass Erdöl nur in einer Rezession billig ist, ansonsten aber die Transportkosten steigen. Ferner ist Tatsache, dass in China nicht nur aufgrund der Wirtschaftskrise, sondern auch aus Umweltgründen Tausende von Fabriken schließen mussten.


Zurück zum Mediensektor: Die News Corp. wälzt Pläne, künftig auch bei Online-Inhalten Gebühren einzuführen – sobald sie das tut, werden viele nachziehen. Die Financial Times, die schon seit 2002 ihre Web-Ausgabe nur im Abonnement zur Verfügung stellt, wird im kommenden Jahr für unregelmäßige Leser einzelne Artikel gegen Vergütung anbieten. Darüber wurden die Tarife für die gedruckte sowie die Online-Version erhöht. „Geld für Qualität“ lautet das neue alte Motto – und nicht länger „Billigprodukte verschenken“ …


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