Grantiges Sesselrücken
 

Grantiges Sesselrücken

Glosse von Philipp Wilhelmer

Verleger und Gewerkschafter müssen panische Angst vor dem Sommerloch haben. Wie anders kann man sich den eilig inszenierten Eklat bei den Kollektivvertragsverhandlungen erklären? Da hat einer ein Anliegen und der andere steht vom Tisch auf. Der andere baut auf Verständnis und der eine will mehr Geld. Geht’s noch?

Egal, wer Schuld trägt: Gewerkschaft und Verleger haben in sage und schreibe 3,5 Jahren – in Worten dreieinhalb – mit heutigem Datum nicht mehr geschafft, als ihre Verhandlungen zum neuen Journalisten-KV platzen zu lassen. Bravo. Genau so werden wir Google und Facebook und die anderen Aggregatoren, die mittlerweile einen großen Teil des Geldes verdienen, das Fürchten lehren.

Der KV in seiner derzeitigen Form ist ein Anachronismus, der zu teuer kommt – geschenkt. Anachronistisch ist es aber auch, mittels Billigverträgen eine zweite Klasse der Online-Journalisten heranzuzüchten, die gleichzeitig auch irgendwann mal das Ruder übernehmen soll – denn wo außer im Online-Bereich soll denn bitteschön einmal das Geld verdient werden? Ist es wirklich eine Zukunftsperspektive, wenn man die dort an den Beruf herangeführten Redakteure etwa mit einem Regaleinräumer-KV abspeist? Schwer vorstellbar, dass sich talentierte Leute, die Online genauso braucht wie der immer noch kräftig pulsierende Printmarkt, dafür hergegeben werden.

Der öffentliche Theaterdonner und das grantige Sesselrücken der beiden Verhandlungspartner mögen in der unmittelbaren Entourage noch ankommen. Der Rest der Branche greift sich an den Kopf. Und wünscht sich inständig einen KV. Allein schon, um sich diese Tragödie nicht weiter anschauen zu müssen.
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