Goldiger Schlaf am 'Lagerfeuer'?
 

Goldiger Schlaf am 'Lagerfeuer'?

Kommentar von Herwig Stindl

Ja, das ist schon ein wenig seltsam: Sat.1 verstrahlt recht unambitioniert die (vom Feuilleton, nicht der Quote!) hoch und viel gelobten US-Serien „Homeland“ und „House of Cards“ im Semi-Binge-System als Doppel- und Dreifachfolgen nach 23 Uhr. Hat Studienautor Bertold Heil mit seiner Studie „Schlafwandler – verschläft das Fernsehen sein Goldenes Zeitalter?“ allzu sehr auf die Schlechtverwertung angeblich so hochwertiger Serieninhalte geschielt, wenn er „dem Fernsehen“ und seinen Programmverantwortlichen vorhält, „das große Publikumsinteresse an der Kategorie Fiction – TV-Serien, Spielfilme – nicht zu nutzen, „um Reich­weitenverluste auszugleichen oder ­aussichtsreiche Nachfolger für ­Erfolgsprogramme, deren Format­lebenszyklus beendet ist, zu entwickeln“.

Nun muss man wissen: Heil hat zum Thema „Wettbewerbsstrategien von Inhaltepaketierern auf jungen elektronischen Massenmärkten“ dissertiert, das heißt, sich mit den strategischen Grundlagen der heutigen Ökosysteme und Portalanbieter grundlegend beschäftigt. Ökosysteme wie etwa Netflix oder Maxdome oder Amazon Prime haben die Möglichkeit, ihren „Kunden“ mehrfach zu monetarisieren – und sei es am Ende qua Verkauf seiner Habituationsdaten. Darauf eine Analyse aufzubauen, dass bei den TV-Sendern „kaufmännisches Sicherheitsdenken programmliche Risikobereitschaft überwiegt“ und eine „kerngeschäftsferne Diversifikation eine dringend notwendige Fokussierung auf das TV-Geschäft“ verhindere, ist einigermaßen einäugig analysiert. Online-Videoshops wie Netflix bringen das lineare TV, wie wir es als ­„Lagerfeuer“ kennen, nicht wirklich in Verlegenheit – sind vielmehr sogar ­Abnehmer des ach so drögen vom linearen TV produzierten Content. Der Berater warnt vor einer „disruptiven Innovation“ als Risiko für das klassische TV-System – nun, die ist als Smart-TV-Gerät bereits da. Und wer  nur beim „Kerngeschäft“ verharrt, der wird übrig bleiben.
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