Gemeinsam! Aber wofür?
 

Gemeinsam! Aber wofür?

Editorial von Sebastian Loudon

Ja, das gab es tatsächlich noch nie: Sämtliche Interessenverbände der Kommunikationsbranche – siehe Titelgeschichte – formierten sich zu einer kollektiven Initiative mit dem zugegeben etwas sperrigen Namen „Plattform Kommunikationsinvestition“ und gehen jetzt gemeinsam in die Offensive. 

Die Überlegung, auf der diese Wortwahl „Kommunikationsinvestition“ basiert, ist bestechend einfach und legitim: Kommunikative Dienstleistungen, egal ob klassische oder digitale Werbung, Public Relations, Events oder – darf man das noch sagen? – Lobbying, stellen ein notwendiges Investment dar und keine schlichten „Ausgaben“, schon gar keine unnötigen. Diese Überzeugungsarbeitist offensichtlich notwendig geworden, weil die Dienstleister der Kommunikationsbranche sich immer öfter Einkäufern oder Finanzentscheidern gegenüber sehen, die Kommunikationsausgaben oft keinen unmittelbaren „Return on Investment“ zuordnen, sondern dahinter auch sehr viel Blabla vermuten. 

Und ganz ehrlich: Daran ist die Branche schon auch selbst schuld, denn zu oft in diesem Metierwird zweifellos Notwendiges mit unnotwendigem Marketing-Sprech aufgepeppt. Die Initiatoren schreiben in ihrer Aussendung davon, dass „Kommunikation zur wirtschaftlichen Schlüsseldisziplin des 21. Jahrhunderts geworden ist“. Das ist würdig und recht, aber doch etwas hochgegriffen. Man könnte nämlich auch argumentieren, dass Innovation der entscheidende wirtschaftliche Treiber ist, viel mehr als meist nachgelagerte Kommunikation. 

Unternehmen wie Apple, Google oder Facebook zeigen, wie atemberaubend schnell eine globale Erfolgsmarke entstehen kann, wenn sie Innovation in ihren Adern fließen hat. Und mit der Innovation hat unsere Branche mancherorts noch so ihre Probleme. Wie dem auch sei: Entscheidungsträgern in der Wirtschaft zu vermitteln, dass Kommunikation kein „Nice-to-have“, sondern ein absolutes „Must“ ist, ist wichtig und richtig. Der Plattform geht es aber um weit mehr, und hier stoßen wir in eine zutiefst psychologische Dimension. In den Diskussionen und Vorarbeiten der Initiative wurde „Übereinstimmung darüber erzielt, dass der Großteil der Branchenprobleme (Gratis-Präsentationen, niedrige Honorare etc., Anm.) aus einem mangelnden Bewusstsein des Beitrags von Kommunikation für den Unternehmenserfolg resultiert“, so die Aussendung. In weiterer Folge ist da auch von „mangelnder Wertschätzung“ die Rede. 

Und hier betritt die Initiative ein heikles Terrain. Das kann auch dahingehend interpretiert werden, dass sich die Branche nicht geliebt fühlt. Und das ist eine zutiefst natürliche Gefühlsregung, denn jeder Mensch will geliebt werden, auch – oder vielleicht sogar besonders? – Werber. Nur muss man aufpassen, nicht als wehleidiges Sensibelchen dazustehen, denn das wäre weder angebracht, noch brächte es die erwünschte Reaktion. So wie die Initiative ihresgleichen sucht, so ungewiss ist, was sie erreichen wird. Entscheidend wird jedenfalls sein – und die Vielzahl der Aktivitäten lässt hoffen –, dass ihr Engagement nicht zu einer nach Mitleid und Anerkennung heischenden Selbsthilfegruppe verkommt, sondern selbstbewusst auftritt. Sie muss Täter sein, kein Opfer. „Die Partnerverbände fordern mehr Respekt vor kreativen Leistungen“, heißt es in der Aussendung. Nun, mit dem Respekt ist es so eine Sache. Den kann man zwar fordern, dennoch muss man ihn sich verdienen. Ohne Wehleidigkeit. Ohne Blabla.
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