Gekommen, um zu bleiben
 

Gekommen, um zu bleiben

Mittwoch Nachmittag, so gegen 16 Uhr – mitten im allwöchentlichen Adrenalinrausch während der HORIZONT-Schlussproduktion läutet das Telefon.

Mittwoch Nachmittag, so gegen 16 Uhr – mitten im allwöchentlichen Adrenalinrausch während der HORIZONT-Schlussproduktion läutet das Telefon. Es meldet sich eine freundliche Stimme aus Berlin. „Darf ich Sie mit Amir Kassaei verbinden?“, fragt sie, und noch bevor ich irgendetwas sagen kann, habe ihn schon am Rohr. Amir Kassaei ist es nicht gewohnt, lange zu warten, und so lautet seine erste Frage auch gleich: „Können Sie am Freitag nach Berlin kommen? Ich möchte Ihnen gerne etwas erzählen.“ „Nein“, sage ich entschieden. Nicht etwa aus Reiseunlust oder weil ich mir von einem wie Kassaei keine Geschichte anhören möchte, sondern schlicht deshalb, weil ich für Freitag schon in Frankfurt angesagt war. „Na gut“, sagt Kassaei, „dann komme ich eben nach Wien.“ So einfach ist das.


Also traf ich Amir Kassaei, den international wohl erfolgreichsten Kreativen, den dieses Land – gemeinsam mit seinem Geburtsland Iran – jemals hervorgebracht hat. Zwei Tage später sitzen mein Kollege Clemens Coudenhove und ich dem 25-fachen Cannes-Lions-Gewinner – das war allein in den vergangenen drei Jahren! – gegenüber, um uns die Details zur Gründung von DDB Wien erklären zu lassen (siehe Seiten 1 und 17). Schnell wird klar: Kassaei und seine Wiener DDB-Niederlassung werden gehörig Staub aufwirbeln.


Und so viel steht ebenfalls fest: Er kommt mit offenem Visier nach Wien. Er mag keine versteckten Spielchen, die Gerüchte, die rund um seine Chancen beim Pitch der Erste Group kursieren, widern ihn an. Klar: er will diesen Etat gewinnen – aber deshalb, weil DDB und er zu den besten Europas, wenn nicht der Welt gehören, und bestimmt nicht, weil ihm alte Beziehungen in Wien diesen Etat zuschieben. „Das habe ich nicht notwendig“, sagt Kassaei einige Male, und man ist versucht, es ihm zu glauben. Insbesondere, wenn man weiß, welche Kapazunder noch so im Team der Omnicom federführend am Werk sind.

Indes sorgt der Erste-Pitch munter weiter für Aufregung in der Branche. Und für die überzeugtesten Verschwörungstheoretiker ist auch die Gründung von DDB Wien wohl nichts weiter als ein perfides Täuschungsmanöver, damit das Ganze nur ja nicht wie ein abgekartetes Spiel aussieht. Auch der tendenziell in protektionistischem Ton ausgefallene offene Brief des Fachverbandes Werbung und Marktkommunikation an Erste-Chef Andreas Treichl (siehe unten) könnte der Gerüchteküche neuen Stoff bieten. Nach dem Motto: DDB Wien wird nur gegründet, damit die Erste Group ihren Etat auch einer in Österreich ansässigen Werbeagentur gibt.

Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter – in diesem Fall von Berlin nach Wien. Kassaei wird sich zweifellos ein Spitzenteam zusammenstellen, und mit dem Rückenwind aus zwölf außerordentlich erfolgreichen Jahren am deutschen Markt für einen gehörigen Wirbel sorgen. Der österreichischen Agenturszene wird dieses Lüftchen sehr gut tun. Und wer den Etat der Erste Group bekommt, wird man ja ohnehin bald sehen. Aber: Erste hin oder her – an DDB Wien wird man sich gewöhnen müssen, oder wie es die Berliner Band „Wir sind Helden“ so schön singt: Wir sind gekommen, um zu bleiben.


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