Geht 2016 den Bach hinunter?
 

Geht 2016 den Bach hinunter?

Kolumne von Walter Braun

Vor vier Wochen waren an dieser Stelle positive Wachstumsprognosen zitiert. Seither machen die ­Börsen Bocksprünge, der Ölpreis zerfleischt sich, und überall tauchen tiefschwarze Kommentare auf. Selbst der erfolgsverwöhnte Apple-Konzern hat sich unter die Jammerer gereiht.
Grund zur Panik? Kaum. Jene, die Parallelen zu 2007/2008 ziehen, dürften daneben liegen. Eine Börsenkorrektur ist nicht dasselbe wie ein Bärenmarkt, der die Folge eines irrationalen Optimismus ist. Davon ist nicht viel zu sehen; im Gegenteil, eine ängstliche Stimmung ist seit Jahren subkutan präsent. Der Ölpreis wird sich wieder erholen, und China wächst weiterhin.

Eine Branche wird allerdings einen Einbruch erleben: Exporteure von ­Luxuswaren. In chinesischen Ein­kaufstempeln schließen Luxusboutiquen reihenweise die Tore, und Ausfuhren nach Hongkong könnten massiv leiden. Binnen 15 Jahren hat sich Chinas Anteil am Weltluxusmarkt von drei auf 30 Prozent glatt verzehnfacht. Der globale Luxusmarkt wächst seit Jahren mit sieben bis acht Prozent weit überdurchschnittlich; da ist eine Pause angesagt.

Was kein Grund zur Schwarzmalerei ist. Der aktueller Schinken „The Rise and Fall of American Growth“ von ­Robert Gordon kommt zu dem dramatischen Schluss, die fetten Wachstumsjahre wären für den reichen Westen aus und vorbei. Eine fast gleichlautende Mahnung kommt von dem ebenfalls brandneuen Buch „The Age of Stagnation“, verfasst von Satyajit Das.

Dass Ökonomien auf einem sehr hohen Niveau sich auf etwas reduzierte Wachstumsraten einstellen ­sollten, ist durchaus logisch. Allerdings macht ein ständig wiederholtes Argument misstrauisch: die Klage, westliche Wirtschaften wären von mangelndem Produktivitätsfortschritt gezeichnet.
Gegenthese: Produktivitätsdaten werden seit geraumer Zeit unzureichend erhoben. Vermutlich stehen die USA und Europa konjunkturell besser da, als von den Produktivitätsjammerern dargestellt. Der Grund: Produktivität im Dienstleistungsbereich lässt sich schwer vermessen. Die klassischen Volkswirte brauchten bloß zu zählen, wie viele Stück Ware eine Fabrik produziert und verkauft. Im Vergleich dazu ist die Qualität einer Beratung schwerer zu bewerten – das Honorar mag gering sein, der Wert des Ratschlages aber viel höher.

Die vielen Gratisleistungen von Google, Facebook oder Skype werden unterbewertet. Der Postler, der mir einen Brief zustellt, scheint als ökonomische Aktivität auf. Eine E-Mail, die dasselbe tut, wird nicht gewichtet, da sie gratis ist. Die Produktivität bei der Zustellung von Botschaften ist dank Internet explodiert, während sie im Bruttonationalprodukt nicht auftaucht. So gesehen, beschleunigt sich eventuell der Produktivitätsfortschritt.
Solange die Ökonomen die Profite der Digitalwirtschaft (Verbraucherdaten, Werbung, Marktanalysen und so weiter) nicht präzise erheben, sollte man ihre Wachstumssorgen leichten Herzens nehmen.

[Walter Braun]
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