Gastbeitrag: Tabula rasa
 

Gastbeitrag: Tabula rasa

Reinen Tisch machen. Klarheit schaffen.

Reinen Tisch machen. Klarheit schaffen. Schwachstellen ausmerzen. Wer kennt sie nicht, die lateinische Floskel vom ultimativen, reinigenden Neubeginn? In krisengeschüttelten Zeiten müssen eben viele Unternehmen tief in die Trickkiste des Change-Managements greifen und „Tabula rasa machen“, wenn es für die gute Sache der Gewinnmaximierung ist. Da sind dann „harte Schnitte“ angesagt – und als „Feigenblatt“ dafür teure Geschäftsessen und Firmen-Events abgesagt. Vielleicht beginnt der unternehmerische Ab-, Um- und Rückbau zwar nicht unbedingt bei den Spitzengagen, dafür – schon eher – bei Spitzenmitarbeitern aller Ebenen. Die werden im Übrigen an geeigneten Stellen mit vielleicht nicht so geeigneten Sozialplänen entsorgt – und nach Abschluss der meist ­weniger gustiösen und auch nicht ganz nebenwirkungsfreien Säuberungsaktionen geht man wieder zur Tagesordnung über und widmet sich den medialen Frohbotschaften. Immerhin wird das Ende der Krise ja schon prognostiziert, also wird es ja gefälligst auch bald kommen. Alles ist gut.


Wirklich alles? Nicht ganz. Denn wenn man da – oft gut versteckt – in Kleinartikeln liest, dass unternehmerischer Rentabilitätsdruck in schlappen eineinhalb Jahren 23 Mitarbeiter eines französischen Telekom-Anbieters in den Tod treibt, wenn die WHO Stress zu einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erklärt, da kann einem schon mulmig werden. Wenn in Wirtschaftsschlagzeilen ein österreichisches Bahnunternehmen wie selbstverständlich und mit nicht gerade Kreativpreis-verdächtigen Argumenten die Erhebung von Gesundheitsdaten seiner Mitarbeiter verteidigt, wenn in den Wirtschaftsberichten desselben Tages Burn-out als häufigster Frühpensionierungsgrund genannt wird, da kann einem schon übel werden. Und wenn man weiß, dass der volkswirtschaftliche Schaden aus Kosten und Auswirkungen bereits den mehrstelligen Milliardenbereich erreicht, spätestens dann könnte möglicherweise sogar hartgesottenen Gewinnmaximierern das Kotzen kommen.


Haben Sie den Artikel im neuen BESTSELLER 9/2009 über „Burn-out in der Kommunikationsbranche“ gelesen? Sollten Sie! Denn da fragt man sich schon: Was machen wir da eigentlich – als Gesellschaft, als Wirtschaft, als Branche? Im immer schnelleren Hetzen nach Leistung, Rentabilität und Gewinn und mit zweifelhaften Werten haben wir nicht nur die Schwelle zur Ausbeutung anderer oft längst überschritten, ohne es zu merken. Wir erzeugen den Druck, der uns – zunehmend belegt durch Zahlen, Fakten und eigenen Erfahrungen – ins kollektive wirtschaftliche und persönliche Burn-out treibt. Bis hin zum Suizid. Ein Druck, den wir nicht nur gegenüber anderen erzeugen, sondern auch in uns selbst. Wir werden zum willfährigen Werkzeug des eigenen Systems. Wir tabuisieren, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wir stigmatisieren, wir mobben und bossen, weil nicht sein soll, was nicht sein kann. Und machen uns damit – früher oder später – quasi zu Self-Terminators. Halten Sie mal kurz inne: Sie werden jetzt beziehungsweise beim Lesen dieser Zeilen unruhig und zappelig? Dann muss das nicht zwingend an der Qualität dieses Artikels liegen. Es könnte auch am eigenen gnadenlosen wie unbelehrbaren Leistungsanspruch liegen, der Sie gerade zum „Weiterhackeln“ mahnt … und der so viele von uns so lange antreibt, bis sie umfallen. Nun ja. Auch eine Form von „Tabula rasa“.


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