Fingerzeige und Tabubrüche
 

Fingerzeige und Tabubrüche

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Jenseits des HORIZONT

Der Tabubruch der Kronen Zeitung hat einen Shitstorm ausgelöst,eine Rekordzahl an Beschwerden beim Presserat und mehr, vor allem aber: Häme seitens der „Falschen“.
Differenziert betrachtet, kann man folgende Thesen aufstellen.

These 1: Intermediale Häme: Die „Wettbewerbsmedien“, vor allem diejenigen, die permanent an der ästhetischen und ethischen Schmerzgrenze agieren, zeigten unverhohlene Schadenfreude und gespielte Empörung, ausgerechnet jene, die davon leben, professionell mit Gerüchten und grenzwertigen Fotos zu agieren. Das erinnert an die gegenseitigen Schuldzuweisungen innerhalb der Regierung, zwischen Bund, Land und ­Gemeinde, bis tief in die Parteien.
Die Schizophrenie zwischen individualisierter Empathie – es häufen sich die Rührgeschichten über Einzelfälle und couragierte Einzelbürger, weil sie tränenerweichend sind – und reflexhafter Xenophobie ist bezeichnend. Gleichzeitig herrscht semantischer und codifizierter Materialismus. Drittens wird erfolgreich St. Florian gespielt: Schuld ist wieder einmal die EU.

Die Verteidigung von Law and Order, das Verlangen nach Schutz für die Residenten, verkitscht durch rührende Einzelfälle. Erwin Ringel hat das einmal als typisch für die österreichische Seele bezeichnet. Rührseligkeit, die letztendlich Feindseligkeit ist.
These 2: Die Kronen Zeitung hat in dieser Causa jenes Gespür verloren, das sie zur erfolgreichsten Massenzeitung weltweit geführt hat. Das mag an der Abwesenheit von Christoph Dichand liegen, er hätte sein Veto eingelegt, vermute ich. Cave Interregnum. Nicht öffentlich diskutiert wird aber jene Übergewichtung, die diesem Thema gewidmet wird, dessen Auswirkungen absehbar sind. In den Hintergrund gerückt sind die Greueltaten der IS-Schwadronen. Was nahe liegt, geht vor in der selektiven Nachrichtenwelt: „Der Tod hat Österreich ­erreicht“, als man die eingepferchten Flüchtlinge fand. Lokal wird nach dem Überwachungsstaat – subtil abgemildert – verlangt, nach Law and Order. Nach Prävention durch Macht. Für ­Orban bringen manche kaum verkausalisiertes Verständnis auf.
Ein Versuch, das Ganze sachlich zu analysieren:
Österreich als Land mit den meisten Außengrenzen, als klassisches Transitland, muss stärker betroffen werden als andere Staaten. Das ist logisch. Und sollte vermittelt werden.
Die Migrationswelle ist die absehbare Konsequenz einer ökonomisch orientierten Machtpolitik. Die Migration ist aber die größte Chance für ein müdes, saturiertes Europa und einer Alternsgesellschaft, die Unterstützung braucht. Industrie und KMU könnten Facharbeiter finden, die sie dringend benötigen und in einem semihalbierten Österreich nicht finden. Wer solche Ansätze einbringt, sieht sich den emotionalisierten Argumenten ausgeliefert. Man betrachte Menschen als Ware, als seien sie gewerbliches Ressourcengut, heißt es.

Die sonst so ruhig unspektakuläre Angela Merkel hat das Gespür und die Empathie offensichtlich als eine der wenigen nicht verloren: „Wir schaffen das“, sagte sie.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

[Jenseits des HORIZONT]
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