Fifty Shades of Pitching
 

Fifty Shades of Pitching

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Gastkommentar von Max Palla

„Fessele mich“, flüsterte die Agentur ihrem potenziellen Kunden zu, „und dann zieh mir ordentlich die Peitsche über.“ So oder ähnlich geht es derzeit in der Branche zu, wenn Auftraggeber mit einem neuen Etat locken.

Juristisch verquollene Ausschreibungstexte oder mysteriös daherkommende „Bewerbungsanzeigen“ zeigen das ganze Dilemma einer verklemmten Beziehungs(un)kultur.
Détendez-vous! Entspannt euch, werfe ich in die Diskussion! Jeder/-m Marketingverantwortlichen ist es zumutbar, dass sie die Agenturen der interessantesten Kampagnen am Markt kennt. Und – ich verrate kein großes Geheimnis: Wunder gibt es keine. Ihr sucht eine Idee? Ihr sucht eine Idee, die auch funktioniert? Und ihr sucht jemanden, der es möglich macht, dass diese Idee auch umgesetzt wird? Also, wer einen tollen neuen Wolkenkratzer bauen will, der wird das nicht im kleinen Zwei-Personen-Büro finden. Aber dort, wo in der letzten Zeit starke Ideen und Kampagnen kreiert wurden, ­genau dort wird man wieder welche finden, it’s simple statistics.

Gefragt sind jetzt neue Ideen für den Auswahlprozess, weil die traditionelle Big-Idea-Präsentation immer weniger funktioniert. Juristen können zwar helfen, die Verantwortlichen abzusichern, aber sie haben noch nie eine bessere Idee in die Werbung gebracht – sondern nur mehr Kosten. Was wir jetzt brauchen, ist mehr Kreativität im Briefing, im Ablaufprozess und in der Entscheidungsfindung. Wer das Glück hat, ohne Vergabegesetz agieren zu können, soll sich die Freiheit nehmen, neue Wege zu probieren: Briefings auf Ideen fokussieren, spontane Agenturbesuche ansetzen, einen Kochkurs gemeinsam mit der Agentur besuchen, externe Fachjurys mit Stimmrecht hinzuziehen, einen Theaterregisseur im Team verlangen, et cetera.

Hier am Markt gibt es – sehr überschaubar – knapp 30 gute Agenturen, die das leisten können und wollen. Da braucht man keinen komplizierten Dating-Algorithmus, aufmerksam HORIZONT lesen und einige Gespräche reichen.
Und ihr, liebe Agenturen, hört auf mit dieser weinerlichen Beleidigtheit. Ja, der Markt ist klein und viele raufen sich um wenig. Ich kenne aber keinen Markt, wo es anders zugehen würde. Also, bleibt sportlich und gelassen im Wettbewerb. Überzeugt eure Gesprächspartner von eurem Interesse an deren Herausforderungen und – und zeigt Ideen, Ideen, Ideen.

Versteckt euch auch nicht hinter „360-Grad“-Strategien, tiefenpsychologischen Untersuchungen, endlosen Mediaplänen oder der ultimativen Crossmedia-Lösung. Konzentriert euch lieber auf euer Business und überrascht Kunden und deren Konsumenten mit erfrischenden Kreationen, über die wir staunen, lachen, tratschen können – und die uns näher zum Produkt bringen.
Einen hätte ich noch: Man muss als Agentur nicht an jeder Präsentation teilnehmen. Das SM-Codewort, um der Peitsche zu entgehen lautet ganz einfach „Nein, danke!“
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