Feed statt Read
 

Feed statt Read

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Jenseits des HORIZONT

Snapchat hat mit Discover einen sensationellen Dienst gestartet: Newsfeeding per journalistischer ­Selektion, nach dem bewährten ­Autolösch-Verfahren. Renommierte Medien und Redakteure sind Partner, von National Geographic über CNN bis zu Daily Mail. User be­kommen die News automatisch zugeschickt. Und können sogar noch auswählen.

Onlineportale ade? Social Media wird zum direkten Newschannel. ­Facebook ist erfolgreich mit seinen „Instant Articles“, Google kommt mit „Google News“ und selbst Apple ist dabei, einen Messagingdienst direkt zu implementieren, Instagram hat im deutschen Sprachraum bereits zehn Millionen User.
Laut Pew Research erhalten mehr als 70 Prozent der jugendlichen US-Generation ihre Nachrichten direkt über Social Media, ohne dass sie Browser oder Apps starten müssen – oder gar suchen. Eine neue Dimension der Nachrichtenübermittlung tut sich auf. Bequem, aber selektiv. Schnell, aber einengend. Man erhält nur mehr das, was einen scheinbar interessiert. Das eigene Profil ist der Selektor.

„Newsing“ wird zur Selbstreferenz. Die Ausschnitte der Welt immer kleiner. Isolation des eh schon Erwarteten statt Offenheit. Ist das „Kulturpressismus“? Oder tatsächlich eine neue Ära der Content­vermittlung? Wissen wir, wie souverän oder nicht die junge Generation der Millenials damit umgeht? Was wir wissen: gesellschaftszerstörende Gruppen – von IS bis zur neuen Rechten – haben diese Form des „Informierens“ bereits entdeckt und nutzen sie professionell. YouTube als scheinbar authentisches Abbild der Welt.

YouTube für Flüchtlinge mit den Willkommensgrüßen in Austria, Merkel als guter Mutter und IS mit den perfekt inszenierten Totenköpfen und Leichen. YouTube wird milliardenmal heruntergeladen und hat raffinierte Algorithmen.

Die neue Rechte – unauffällig mit Bewunderung für Sahra Wagenknecht und Vladimir Putin, konkret mit Gewaltszenen und Luxusflüchtlingen. Soziale Medien als Instrumentalisierungsmaschinerie. Es rührt sich was dagegen: Spiegel bento ist lieb und ambitioniert, Vice witzig, pointiert, auf dem Sprung zur Benchmark für eine neue ­Mediengattung: frech, scheinbar willkürlich und verblüffend mutig. Eine Woche Vice live ist Vergnügen für Newsjunkies. Jetzt will Vice auch das Medium TV erobern. Die VollprogrammChannels müssen sich warm ­an­ziehen. Hier entsteht Neues. Das wahrlich einzig wirksame Instrument gegen Social-Media-Terror und Social-Media-­Selfie-Individualismus.
Gute Zeiten brechen an.

[Jenseits des HORIZONT]
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