Excellent Sheep
 

Excellent Sheep

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Jenseits des HORIZONT

„Die Lust am Denken ist ihnen vergangen. Sie wollen nur perfektionieren. Sie sind exzellente Schafe.“ Das schreibt der Soziologe und Wissenschaftstheoretiker William Deresiewicz in seinem Bestseller „Excellent Sheep“. Die exzellenten Schafe sind  hoch dekorierte Vorzugsstudenten und Absolventen der Elite-Unis. Der Autor kennt sie: klug, aber risikoscheu, kleingeistig und selbstsüchtig. Sie sind die Optimierergeneration, ihnen fehlt das kreative, kritische, zerstörerische.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch der – zuletzt kritisierte – Chef der deutschen Universitätsrektoren, der in etwa meinte, dass ein Magister in Physik noch längst kein guter Physiker sei. Ausbildung und Verschulung ortet er im Rahmen des Bologna-Prozesses, Unis haben sich von ihrem Nucleus entfremdet. Forschung und Innovation leiden. Hausverstand auch.
Die Lust am Denken ist dem Zwang zum Optimieren gewichen. In Zeiten, da alles so ernst ist und die Krise täglich neue Probleme offenbart, ist alles alternativlos. Lust am Denken ist Gradmesser für die Entwicklungsfähigkeit einer Gesellschaft: Lust an Politik und Lust auf Aufklärung ebenso. Diese Kreativität ist untergraben von Leistungs- und Anpassungsdruck. Gerade an den sogenannten Elite-Institutionen und in der politischen Klasse.
Deresiewicz weist darauf hin, dass in den vergangenen 20 Jahren wenig Neues entwickelt worden sei. Seit dem iPhone, Alter Ego beinahe, wurden ­lediglich noch bessere, noch funktionellere und noch größere Adaptionen geschaffen. Wearable statt Portable ist kein Fortschritt.

Gewiss: Big Data und die Kunst der Vernetzung und Bewältigung von Milliarden von Daten brachten enormen Erfolg: In der Genforschung, in der Epigenetik, in der Präzisierung von Prognosen. Aber: Alles ist lediglich selbstreferenziell. Noch schnelleres Sich-im-Kreise-Drehen, noch raffiniertere Persönlichkeitsbilder. Aber: nichts revolutionär Neues. Kein mutiger Gegenentwurf zu einer Gesellschaft: stattdessen Misstrauen gegenüber allem, was aus der Reihe fällt. Stimmung gegen Orchideenfächer und Freidenker, gegen Poesie.

Die Medien zeigen dasselbe Optimierungsdenken: News werden rascher und bunter verbreitet. Aus allen möglichen neuen Kanälen. Einmal Afghanistan, dann Irak, dann Ukraine und Krim und dann wieder China und Lateinamerika. Schneller, höher, weiter – als ob man im sportlichen Wettkampf wäre oder bei Qualtinger.

Wenn man jemanden fragt, wo die Ukraine eigentlich liegt, was der Unterschied zwischen Indies und indigen ist, dann herrscht Schweigen. Die Lust am Erklären ist verloren gegangen. In Millionen Daten sind Wissen und Verständnis verloren gegangen.
Das mag ein Grund für die angebliche aktuelle Krise der  gedruckten Medien sein. Den Geschichtekrieg der bunten Bilder haben sie verloren oder hecheln nach, die Kompetenz des Wissens haben sie abgelegt. Aus Spar- und Optimierungsgründen.

Exzellent Sheep wollen nicht nachdenken. Schon gar nicht über sich selbst und das eigene Tun. Besser, schneller, fitter – im Sinne Darwins und im Sinne des Turnvaters. So schießen zwei Ideologien zusammen. Kein Wunder, dass wir leiden, vor lauter Fitness und Data.

[Jenseits des HORIZONT]
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