EU-Bashing im EU-Haus
 

EU-Bashing im EU-Haus

Editorial, HORIZONT Nr. 22.

Es war die gefühlte 500. Diskussion über öffentlich-rechtliches Fernsehen – und sie war diesem fiktiven Jubiläum angemessen, also außergewöhnlich. Am letzten Tag eines verhagelten Mai lud der ORF ins „Haus der Europäischen Union“, um sich der Frage hinzugeben: „Wie wichtig ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Europa?“

Die Diskussion ist Teil der ernsthaften und ambitionierten Reihe „ORF-Dialog Forum“, die von Claus Unterberger, dem Leiter des „Kompetenzzentrums Public Value“ im ORF, ins Leben gerufen wurde, um „das Gespräch mit seinem Publikum, den österreichischen Institutionen, den Organisationen und Gruppen der Zivilgesellschaft zu beleben“, wie es auf der Website heißt. Das ist auch jene Stabsstelle, die dieser Tage auch den zweiten Public-Value-Bericht „Wert über Gebühr“ zur Welt brachte (http://zukunft.orf.at).

Aber was war so außergewöhnlich an dieser Diskussion? Zum Beispiel die Besetzung: Zum ersten Mal – zumindest in der Wahrnehmung des Autors dieser Zeilen– diskutierte eine sortenreine Partie von Vertretern öffentlich-rechtlicher Sender, namentlich Claudio Cappon, ehemals RAI und nun Vizedirektor der EBU, des Quasi-Verbands der Öffentlich-Rechtlichen Europas, Gottfried Langenstein, Präsident des deutsch-französischen Kultursenders arte, ZDF-Intendant Markus Schächter und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Das sorgte zwar nicht für einen spannungsgeladenen Abend, aber immerhin dafür, dass man neue Argumente und Aspekte hörte, weil die Diskutanten – sich gegenseitig bestärkend – ihre Gedankengänge weiterspannen, und nicht die ewiggleichen, reflexhaften Streitereien zwischen Privaten und ORF zutage traten.

Und so kam es zu einem für manche Beobachter denkwürdigen Moment, in dem – bei allen Schulterschlüssen der Öffentlich-Rechtlichen untereinander – der eine ganz große Unterschied zwischen ORFund seinesgleichen in Deutschland offenbar wurde. Es war, als ZDF-Intendant Schächter über jenen fundamentalen Identitätswandel von ARD und ZDF berichtete, der in den Achtzigerjahren durch den Sendestart von Sat.1 und RTL ausgelöst wurde. Damals erkannten die Öffentlich-Rechtlichen, so Schächter sinngemäß, dass sie nicht mehr das Fernsehen insgesamt repräsentierten, sondern sich eine komplementäre Positionierung zu den Privaten suchen müssen, um damit letztlich Existenz- und Gebührenberechtigung aufrechtzuerhalten.

Und ohne dass es ausgesprochen wurde, lag der Schluss förmlich zum Greifen nahe: Genau vor diesem Schritt hat sich der ORF – in Tatunion mit der Politik – stets gedrückt. Es gab an diesem Abend zwar nichts zu streiten, sehr wohl aber wurde ein gemeinsamer Feind gefunden– just der Hausherr des Abends, die Europäische Kommission. Diese sei feindlich eingestellt gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen (Schächter), zu sehr auf die wettbewerbsrechtlichen und zu wenig auf die kulturellen und gesellschaftlichen Fragen fokussiert (Langenstein). Der solchermaßen angesprochene Vertreter der Europäischen Kommission im Publikum bemühte sich redlich, zu kalmieren, etwa mit Worthülsen wie „Wir, die Kommission, schätzen die öffentlich-rechtlichen Sender für ihren Beitrag zur europäischen Integration“ oder so ähnlich.

Dafür wurde er von arte-Chef Langenstein abgestraft. Nämlich mit einer konzisen Anprangerung der Brüsseler Bürokratie und Regulierungswut bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber den tatsächlichen Herausforderungen einer gemeinsamen europäischen Medienwirtschaftim globalen Wettbewerb. Der bemitleidenswerte Vertreter der Kommission bekam rote Ohren, zahlreiche Zuschauer riss es vor Begeisterung fast von den Stühlen. Apropos Zuschauer: Im Publikum suchte man vergeblich nach Gesichtern aus der Medienpolitik, doch halt: Der Neo-Stiftungsrat Nikolaus Pelinka, 23, war da.

PS: Zeitgleich zur Diskussion über die Bedeutung des ORF für Europa flimmerte auf dessen erstem Programm das Prestige-Projekt „Chili“ über den Bildschirm, mit einem ausführlichen Bericht von der Hochzeit Christian W. Muchas, Herausgeber unseres Mitbewerbers "Extradienst". Die „Hochzeit des Jahres“, so Moderator Dominic Heinzl, hält derzeit die Gesellschaftsberichterstattung in Atem, wir möchten uns einreihen in die Schar der Gratulanten und wünschen Braut und Bräutigam von Herzen alles Gute!
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