Esse est percipi
 

Esse est percipi

Editorial von Sebastian Loudon.

Es bleibt einem anglikanischen Theologen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts überlassen, den wesentlichsten Erfolgsfaktor von Social-Media – jenes zentralen Momentums des gegenwärtigen Wandels in der Kommunikation – in drei Worten zusammenzufassen. „Esse est percipi“, zu Deutsch: Sein heißt wahrgenommen werden, postulierte George Berkeley vor mehr als 250 Jahren. Soll heißen, erst mit der nachweislichen Wahrnehmung durch andere geht die Selbsterfahrung einher.

Und genau an diesem psychologischen Mechanismus setzen die sozialen Netzwerke mit all ihrer Kraft an. Jeder aus der geschätzten Leserschaft, der sich auf Facebook oder Twitter bewegt, muss wissen, wovon ich rede: Es beginnt mit dem kurzen Hochgefühl, eine „Freundesanfrage“oder einen neuen „Follower“ zu erhalten („Da deklariert jemand sein Interesse, mir zuzuhören!“), es setzt sich fort, wenn man Reaktionen auf gepostete Inhalte bekommt („Da hört mir jemand zu, und antwortet mir“) und geht – im Falle von Facebook – so weit, dass man einzelne Wortmeldungen, Gedanken oder inhaltliche Hinweise mit einem Mausklick („Sebastian Loudon gefällt das“) belohnen kann.

Jemand, der es bis dato geschafft hat, Social-Media-abstinent zu bleiben, wird sich erstens an den Kopf greifen und zweitens bestätigt fühlen, die Finger von Facebook & Co. zu lassen. Alle anderen müssen eigentlich wissen, was Bischof Berkeley gemeint hat. Das Belohnungssystem der sozialen Netzwerke ist ebenso banal wie wirksam und ebenso – sind wir ehrlich – suchtgefährdend wie alle andere Systeme, die Glückshormone auslösen. Und es ist glaubhaft und erschreckend zugleich, wenn man von abgebrühten Kommunikationsprofis hört, die mitten in der Nacht das Bett verlassen, um via Laptop – und immer mehr auch via Handy – nachzuschauen, ob jemand auf ein eigenes Posting reagiert hat oder nicht.

Man muss kein Kulturpessimist sein, um die psychologischen Mechanismen, mit denen der Siegeszug von Facebook, Twitter & Co. verbunden ist, auch als reelle Gefahr für die Verfasstheit des Einzelnen und den Umgang der Gesellschaft als Kollektiv zu werten. Auf der anderen Seite sind wir, die wir mit Kommunikation und Öffentlichkeit unser Geschäft machen, im weitesten Sinn gezwungen, uns damit aktiv auseinanderzusetzen. Denn die Möglichkeiten, sich als Mensch, als Team oder als Marke wahrnehmbar zu machen, in weiterer Folge wahrgenommen zu werden und schließlich – siehe oben – folglich auch neue Ausprägungen der Existenz zu erfahren, sind ungeahnt.

In den vergangenen zehn Tagen erfuhr die Redaktionsmannschaft von HORIZONT und BESTSELLER genau das am eigenen Leib. Nicht rasend originell und schon gar nicht ausgesprochen früh eröffneten wir eine Facebook-Fanseite („HORIZONT Österreich“) und davon, was dort in kürzester Zeit passiert ist, wurden wir überwältigt. 650 Leute aus der Branche – vom Juniortexter zum Agenturchef – haben sich inder ersten Woche offen als „Fans“ unserer Medien deklariert. Unsere Seite auf Facebook dient dem Austausch von Meinungen und Erfahrungen aus der Welt der Kommunikation, jeder unserer „Fans“ kann Links, Spots oder Fotos auf unserer Seite posten und seine Kommentare abgeben, und viele tun dies bereits– nicht anonym, daher entsprechend respektvoll und auf Augenhöhe.

Eine Zeitungsredaktion leidet traditionell an der Ermangelung eines direkten Rückkanals, umso ungewohnter aber erfreulicher war es für uns, als Leser unserer Medien ungefragt posteten: „Die letzte Ausgabe war sehr lesenswert“ oder aber auch einen Kommentar aus dem Heft kritisch hinterfragten, um daraus eine Diskussion anzuzetteln. Sein heißt wahrgenommen werden. So gesehen, könnte man fast sagen, wir haben im Frühling 2010 eine neue Bewusstseinsstufe erreicht. Und was ist mit der Suchtgefahr? So wie überall gilt auch bei Social-Media der Grundsatz: Die Dosis macht das Gift.
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