Es scheint, als würden alte Werte wiederkehre...
 

Es scheint, als würden alte Werte wiederkehren ...

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Kommentar von Walter Braun.

Wie werden künftige Historiker die Jahre von 2003 bis 2007 benennen – „Post-Millenniumsrausch“? In einem Anfall von kollektivem Wahnsinn wurde in vielen Ländern einfach die Zukunft verjubelt. Niedrigzinsen und offene Kredithähne führten zu einem unechten Wohlstand und zu überzogenen Nachfragen bei Immobilien bis zu Luxuswaren. Klar, dass nun harschere Zeiten folgen müssen.

Geht es nach den Zyklentheorien einiger Wirtschaftshistoriker, könnte die ökonomische Krise im Westen noch mindestens bis 2020 anhalten. Der Boom der 90er-Jahre und das anschließende illusionäre Wirtschaftswachstum blieben natürlich nicht ohne Auswirkung auf die kollektive Psyche. Plötzlich bildeten sich allzu viele Menschen ein, ein ‚Anrecht‘ auf Ruhm und Reichtum zu haben. Bei Umfragen zu Berufswünschen gaben Mädchen in England traditionell Lehrer oder die Pflegeberufe an, während sie im Post-Millenniumsrausch mehrheitlich Pole Dancer, Schauspielerin, Nacktmodell oder einfach „Berühmtheit“ als Zukunftsvorstellung nannten.

Wenn eine ganze Generation lieber Mediennutte ist, als etwas Produktives oder Kreatives zu leisten, ist der Zeitgeist krank. Und was krank ist, muss wieder gesunden. Die BBC brachte kürzlich mit „Turn Back Time“ eine interessante Serie, bei der sie einen Straßenzug in der kleinen ländlichen Stadt Shepton Mallet in die Vergangenheit zurückversetzten. Es ging dabei vor allem um die Geschäfte: Orginalgetreu nachgestellt wie in den 1870er-Jahren, lebten und kleideten sich die Geschäftsbetreiber auch so, wie es damals üblich war. Eine Woche später wurde die viktorianische Epoche dargestellt, dann die 1930er-Jahre.

Am Ende des sechswöchigen Experiments gab es erstaunliche Reaktionen: Alle Teilnehmer lobten ein erneuertes Gemeinschaftsgefühl, das offenbar stark von lebendigen Einkaufsstraßen abhängt und von den Supermärkten am Stadtrand nachhaltig gestört worden ist. Gelobt wurden die Höflichkeit und der persönliche Service der traditionellen Ladenbesitzer. Es geht also nicht immer nur um Preis und sinntötende Konsummaximierung.

Interessanterweise fanden Young & Rubicam einen ähnlichen Beleg in den USA. Die Agentur hat in einer Reihe von Städten die Werthaltung der Menschen erhoben. Das Vertrauen in Politik und staatliche Institutionen ist verschwindend gering, während alte Werte wie Sparsamkeit, Eigenverantwortung und Gemeinschaft still und leise ein Comeback erleben – mit entsprechenden Auswirkungen auf Konsum und Einkaufpräferenzen. 71 Prozent der Amerikaner sagten, dass sie Marken von Unternehmen mit ähnlichen Werten wie ihre eigenen kaufen. Der Wertewandel wurde in allen Altersgruppierungen registriert, unabhängig von Bildung und politischer Einstellung. Eine ähnliche Haltung wird auch in Europa aufkommen, sobald klar ist, dass die Staatskassen leer sind und der ewig wuchernde Sozialstaat zurückgestutzt werden muss.

Lesetipp: Spend Shift von John Gerzema und Michael D’Antonio, Verlag Jossey-Bass, erschienen Oktober 2010.

Walter Braun
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