Es ist Zeit für eine neue Ära
 

Es ist Zeit für eine neue Ära

Editorial von Sebastian Loudon

Der ORF kommt einfach nicht zur Ruhe – von außen, von innen, von oben und von unten, aus dem Markt und der Politik, ja sogar aus Deutschland blasen ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz unangenehme Windstöße ins Gesicht. Dabei sollte sich dieser eigentlich gerade in der wohl strategisch bedeutsamsten Entscheidungsphase seiner Laufbahn befinden – nämlich jener zur Standortfrage. Der Stiftungsrat hat das ORF-Management zurück an den Start geschickt, präziser soll gerechnet werden, vor allem aber soll die Standortfrage mit einer Vision für Österreichs Leitmedium Nummer eins untermauert werden.

Mit irgendwem wird sich Wrabetz anlegen müssen: mit dem Stiftungsrat und der Opposition, wenn der ORF doch nach St. Marx geht, mit der Wiener SPÖ, wenn er es nicht tut. Neben der räumlichen Platzierung beschäftigen die ORF-Gremien aber schon wieder die politische Verfasstheit und das nicht funktionierende Corporate-Governance-Gefüge zwischen Mitarbeitern, Management, Stiftungsrat und Politik. Beflügelt von der erfolgreichen Verhinderung Niko Pelinkas als Büro- leiter machen die Redakteursvertreter nun gegen die ebenfalls politisch ausgedealte Besetzung von Thomas Prantner als Hauptabteilungsleiter und Vizetechnikdirektor mobil. Eine Beschwerde vor der KommAustria sei in Vorbereitung.

Und was macht der Stiftungsrat? Er stellt sich hinter Wrabetz und Prantner und wirft den protestierenden Journalisten „unternehmensschädigendes Verhalten“ vor. Was er damit eigentlich tut: Er gießt neues Öl ins Feuer und sorgt für eine weitere Entfremdung zwischen Management, Eigentümervertreter und den publikumswirksamen Leistungsträgern des Hauses. Nächste Front: Das vom Privatsenderverband angezettelte laufende Verfahren vor der KommAustria, in dem es um nicht weniger als die inhaltliche Grundausrichtung des ORF geht. Das Gesetz fordert ein „differenziertes Gesamtprogramm von Information, Kultur, Unterhaltung und Sport“, die Privatsender sehen dies nicht umgesetzt. Im schlimmsten Fall könnte dem ORF – nach Durchlaufen der Instanzen – eine Änderung seines Programmschemas aufgebrummt werden. Ein erstes Sachverständigengutachten wurde den beiden Parteien nun zugesandt – beide sehen darin eine Bestätigung ihrer Position.

Was auffällt: Der ORF ist in diesem Verfahren sowohl vor als auch hinter den Kulissen ungewöhnlich nervös. Auch Gerhard Zeiler konnte es nicht lassen, aus dem Olymp des Fernsehgeschäfts vor seinem Wechsel von der RTL Group zu Turner ein paar boshafte Blitze in Richtung Wrabetz zu schicken. Der ORF habe „nur theoretisch“ einen Chef, sagt Zeiler in einem großen Interview in der Kronen Zeitung, das zwischen den Zeilen nur eines vermittelt: Dieser Mann hat mit diesem Land immer noch nicht abgeschlossen.

Last, but not least: der Fernsehwerbemarkt. Bei der SevenOne Media frohlockt man bereits hinter kaum mehr vorgehaltener Hand, dass kommende Woche, wenn die Focus-Daten für die Brutto-Werbeausgaben im ersten Quartal 2012 veröffentlicht werden, ein signifikanter Meilenstein erreicht werden wird: Erstmals werden einer privaten Sendergruppe höhere Werbespendings (brutto wohlgemerkt, also ohne Rabatte etc.!) ausgewiesen werden als dem ORF. Es mag naiv sein, aber vielleicht ist dieser markante Punkt ja der Eintritt in eine neue medienpolitische Realität und ein Wendepunkt für alle Beteiligten im Umgang mit dem ORF: für die Politik, ihn aus ihren Fängen zu lassen, für das ORF-Management, ein neues Selbstverständnis im Markt zu finden, und für die Privatsender, sich weniger als kleine Wadelbeißer zu gerieren, die sie ohnehin längst nicht mehr sind.
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