Es ist Terror
 

Es ist Terror

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Jenseits des HORIZONT

Gefährdung der Pressefreiheit hin, Bedrohung des Abendlandes her. Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo und die brutale Hinrichtung von 17 Menschen ist ein kalkulierter Terrorakt. Er richtet sich nicht nur gegen eine Redaktion, die islamverachtende Karikaturen veröffentlichte, die sich seit Jahren die Freiheit nahm, zu kritisieren. Und – das wurde medial zunächst verdrängt – gegen Mitarbeiter der jüdischen Gemeinde in Paris.

Es war kein Anschlag auf die Pressefreiheit. Es war nackter Terror. Terror genügt sich selbst, will verunsichern, zerstören, Gefüge jeglicher Art ins Wanken bringen. Mit allen Mitteln. Die Terroristen arbeiten nach präzisem Plan: In der Rekrutierung von perspektivlosen Menschen, denen sie Selbstachtung, Stolz und Ziele indoktrinieren, mit fundamentalistischer Religionsinterpretation als Köder. In der Erkundung der Ziele. In der professionellen Nutzung von Social Media und mit der perfekten Kenntnis moderner Kommunikationsguerilla. Im Wissen, wie man spaltet, innere Konflikte schürt. Sie bieten professionelle Ausbildung von Menschen zu Mördern, Freilegung von Hass und Emotionen.
Im Wissen um die Reaktionen demokratischer Institutionen und Medien. Wer Medien attackiert und Medienvertreter killt, kann mit erhöhter Wahrnehmung und – zynisch gesagt – stärkerer PR rechnen. Vielleicht sogar Angst bringen: Wie weit kann man in Hinkunft noch in Kritik, Satire und Karikatur gehen?
Aber: Terror hat nicht das Ziel, die Pressefreiheit zu thematisieren. Das haben die Medien – vorauseilend und sich selbst inszenierend – reflexartig getan. Und damit die Erwartungen der Terroristen perfekt erfüllt. Die Hinrichtung der Mitglieder der jüdischen Gemeinde hat gespalten. Und wieder Ängste freigelegt. Terror will spalten. Konflikt erzeugen. Eine zerrissene Gesellschaft. Terror provoziert Überwachung. Prompt gibt es wieder eine Debatte um die Vorratsdatenspeicherung. Das befeuert den Terror wieder.

Religion ist lediglich Vorwand – noch dazu in einem religiösen System wie dem des Islam, der kein Zentrum und keine Autorität wie die katholische Kirche, sondern unterschiedliche Ausprägungen, selbst ernannte Exe­geten, Kalifate und Machthaber hat. IS weiß das genau. Israel lädt – lautstark und populär – alle jüdischen Franzosen, die verängstigt sind, ins Land ein. „Dort bin ich zwar ebenso gefährdet, aber daheim“, sagt einer.

Österreich will – voreilig und populistisch – das Dialogzentrum schließen. Mit Argumenten, die nichts mit dem Terrorakt zu tun haben. Populistische Medien haben wieder Stoff – für ihre eigenen, höchst widersprüchlichen Ziele. Davon leben sie – ökonomisch. Dass sie sich zu Kämpfern für die Pressefreiheit hochstilisieren, passt zu ihrer Anpassungsmoral.

Der Terror hat seine Ziele – bislang – erreicht. Terroristen werden getötet, bevor sie noch handeln können. Das ist eine Einladung zur nächsten ­Attacke.
Wir sollten überlegen, welche Antworten zu finden sind. Ratlosigkeit eingestehen. Das wäre ein Beginn. Die Entsolidarisierung einer Gesellschaft zu verhindern, muss das Ziel sein. ­Dafür ist es wert, einzutreten. Medien sind gefragt und gefordert.

[Jenseits des HORIZONT]
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