Einige Wahrheiten
 

Einige Wahrheiten

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Gastkommentar von Claus Reitan

Es ist ein Verdienst des HORIZONT, die Öffentlichkeit wiederholt an den unterschätzten Bericht „Kompetitive Identität Österreichs“ zu erinnern (HORIZONT 5/2015, Seite 3). Hätten sich Politik und Publizistik damit wie intendiert befasst, wäre mancher Fortschritt zu erzielen gewesen, der nun bitter auf sich warten lässt, wahrscheinlich bis 2016 oder 2017. Warum das so ist? Es sind die unangenehmen Wahrheiten im Papier des britischen Politikberaters Simon Anholt, die keiner lesen will, geschweige denn zu ­beantworten bereit ist.

Mit nahezu 300 Personen hat Anholt 2012/13 gesprochen, darunter mit Journalisten. Er wollte sich nach den Charakteristika der Nation erkundigen, deren Kreativität und Potenziale ausloten. Eine zentrale Passage im Schlusswort seines Berichts von Mai 2013 lautet jedoch: „Im Verlauf der ­vielen Besprechungen und Workshops fiel mir auf, dass die Beteiligten es unbestritten und bedingungslos gewohnt waren, kreative Vorschläge als Aufforderung zu verstehen, auf deren Mängel hinzuweisen.“    

Stimmt. Genau so ist es. Ideen, Vorschläge, Anregungen – sobald sie den Raum der Politik und Publizistik betreten, geraten sie in die Kritik. Werden in Konflikte gezogen, in Konfrontationen instrumentalisiert. Ignoranz und Ablehnung prägen das Schicksal der Kreativität und mancher Innovationen. Das Kritische wird stets umgehend benannt, das Konstruktive jedoch kaum gesehen. Natürlich ist jeglicher Gesprächsstruktur eine Machtstruktur unterlegt, meist ein Machtgefälle. Zu häufig jedoch ist die politische Rede von Konkurrenz um Posten und Positionen bestimmt, von trotziger Rechthaberei geprägt. Ein Wettbewerb um die bessere Idee verliefe anders als manche der Gespräche, wie sie in den Konferenzen aller Art und insbesondere vor Kameras geführt werden. Sie festigen Hierarchie anstatt kreative Projekte anzufertigen. Um das Volk zu unterhalten, werden Vorschläge für die Politik gerade in Boulevardmedien, diesen Opferaltären der Neuzeit, zerstückelt oder als Ganzes geschlachtet. Daher hat Österreich keinen Plan für seine internationale Positionierung, sondern streitet über das saudische Dialog-Zentrum. Daher gibt es kein Haus Geschichte, folglich keine kreative Debatte über die Zukunft, keine konstruktive über die Schule, keine nachhaltige über die Nachhaltigkeit und so fort. Die erbärmliche Klientelpolitik gerät zwar ohnedies unter Druck, ließe sich aber mit Kreativität am souveränsten überwinden. Wahrscheinlich verwehren sich gerade deswegen so viele der Kreativität.
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